Mehr Mittelmaß, weniger Belohnung

Negative Kritik schlägt positive. Das liegt nicht unbedingt an der Sache selbst, sondern am Evaluierungsmodus. Und es ist ein Problem für risikobereite Investoren.

In einem kurzen Twitter-Thread beschreibt Ethan Mollick unsere Leidenschaft für das Mittelmaß als Folge einer Polarisierung in der Wahrnehmung eines Problems. Er fasst darin einen Artikel zusammen, der in „Management Science“ erschienen ist und in dem die Aussagekraft und Qualität von Bewertungen von Projektideen infrage gestellt werden, da bei der Beurteilung mittelmäßige Projektideen herausfordernden und großartigen vorgezogen werden, weil es zu einer Art Polarisierung der Wahrnehmung bei der Bewertung kommt: Negative Kritik wird als „höherwertiger“ wahrgenommen als positive.

We exogenously varied the relative valence (positive and negative) of others’ scores and measured how exposures to higher and lower scores affect the focal evaluator’s propensity to change their initial score. We found causal evidence of a negativity bias, where evaluators lower their scores by more points after seeing scores more critical than their own rather than raise them after seeing more favorable scores. […] Exposures to lower scores were associated with greater attention to uncovering weaknesses, whereas exposures to neutral or higher scores were associated with increased emphasis on nonevaluation criteria, such as confidence in one’s judgment. The greater power of negative information suggests that information sharing among expert evaluators can lead to more conservative allocation decisions that favor protecting against failure rather than maximizing success.

Conservatism Gets Funded? A Field Experiment on the Role of Negative Information in Novel Project Evaluation

Werden die mit der Evaluierung einer Idee beauftragten Personen mit kritischen Anmerkungen ihrer Kolleginnen und Kollegen konfrontiert und müssen Punkte für die Projektidee vergeben, reagieren sie stärker auf negative Kritik und weniger auf positive oder neutrale Bewertungen. Diese Reaktion schlägt sich in einer Revision der eigenen Bewertung nieder und führt zur Senkung der selbst vergebenen Punktezahl. Sind sie aber mit einer positiven oder neutralen Bewertung konfrontiert, erhöhen sie die Punktezahl im Gegenzug nicht. Kritik wird nämlich als mit mehr Aussagekraft aufgrund einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit potentiell problematischen Punkten (also einem höheren Grad an Expertise) wahrgenommen, wohingegen Lob (oder eine neutrale Position) mehr als Vertrauen in die eigene Wahrnehmung der bewertenden Person („confidence in one’s judgment“) interpretiert wird und somit von einer fachlichen Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Problem entfernter.

Das ist eine für mich äußerst spannende Erkenntnis, die sehr viel – vor allem Stillstand und einen Rückgang von Risikobereitschaft auch außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs – erklärt. Kritischen Punkten wird meiner Erfahrung nach deutlich mehr Zeit gewidmet als positiven oder neutralen. Das ist ein Problem, stellen auch die Autorinnen und Autoren in dem lesenswerten (und mit 18 Seiten auch wirklich sehr kurzen) Paper fest:

If the risk of proposals is associated with their weaknesses, then, relative to independent evaluations, postsharing evaluations favor more conservative projects. These decisions, in turn, directly shape the disruptiveness of innovation occurring at the knowledge frontier. This result departs significantly from the policy levers typically considered in stimulating high-risk, high-reward research. In practice, governments, foundations, and companies have generally responded to the perceived conservatism bias by allocating funds designated for risky projects […]. Meanwhile, the (relatively inexpensive) changes to the evaluation process have received less consideration and much less experimentation.

In anderen Worten: Mehr (wahrgenommenes) Risiko bei positiver und neutraler Kritik, dafür höhere Gewinnchance. Weniger Risiko bei negativer Kritik, dafür aber auch weniger „high-reward research“.

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