Trinkgeld in Österreich

Wenn Ausländer nach Österreich kommen, so sind sie mit einer Gastronomiekultur konfrontiert, die ihnen wohl so nicht überall widerfährt, denn: Trinkgeld und Trinkgeld sind nicht gleichzusetzen. Nicht in Österreich. Da gibt es andere Regeln… (Wen das nicht interessiert und wer gleich wissen will, wieviel Trinkgeld bei uns üblich ist: die letzte Überschrift soll hier helfen!)

Trinkgeld ist Faulheit

An sich, so heißt es allgemein, gibt man immer Trinkgeld, lediglich die Menge entscheidet über die Aussage, die so ein Trinkgeld bekommt. Und ja, ich kann mich daran erinnern, dass ich früher mehr Trinkgeld gegeben habe, wenn das Service zufriedenstellend war, weniger, wenn es Probleme jedweder Art gab. Dass ich kein Trinkgeld gegeben habe, kam eigentlich nie vor.

Heute gebe ich zwar immer noch Trinkgeld, aber es hat fast nichts mehr mit der Serviceleistung des Kellners oder der Kellnerin zu tun, viel mehr hat sich das Trinkgeldgeben zu einer Faulheit entwickelt, das Wechselgeld entgegenzunehmen und Cent für Cent von der Tischoberfläche abzukratzen. Und fürs gute Gewissen kann ich mir einreden, dass die Preise genau aus diesem Grund genau so gewählt sind. Damit habe ich aber auch schon einen Grund, warum ich’s mit dem Trinkgeld so halte und nicht anders, denn verdient haben’s die Kellner meistens nicht.

Trinkgeld ändert nichts

Oft schon habe ich mich gefragt, ob üppiges Trinkgeld irgendwas bewirkt. Wird der Kellner freundlicher oder das Essen besser, wenn ich Trinkgeld gebe? Die Antwort lautet: Nein! Freundlicheres Service und bessere Speisen gibt es – das gleich vorweg – durch häufiges Besuchen des Lokals. Das Trinkgeld hat damit relativ wenig zu tun.

Ein Beispiel: Wenn die werte Leserschaft wissen will, wo Trinkgeldgeben wirklich weh tut, empfehle ich einen Besuch im Café Griensteidl, denn da wird man – ich habe hier einen ganz bestimmten Kellner im Kopf und leider wurde ich bislang ausschließlich von ihm betreut – langsam und unfreundlich bedient (zumindest auf der Nichtraucherseite) und wenn man’s eilig hat und nach der Rechnung verlangt, grantelt er herum und braucht erst recht mindestens fünf Minuten, bis er auf den Gesamtsumme-Knopf gedrückt hat. Trinkgeldgeben tut hier weh. Mehr Trinkgeld ändert nichts, weniger ebenso. Einfach ausprobieren.

Trinkgeld macht frech

Erst jüngst ist es mir passiert, dass ein Kellner bei mir nach mehr Trinkgeld verlangt hat! Nicht direkt, indem er mich dazu aufforderte, aber indirekt: Ich war mit einem Kollegen Kaffeetrinken und als es ans Zahlen ging – ich war mit der Leistung des Kellners zufrieden, aber auch nicht mehr – gab ich anstatt der 1,40 die runde Summe von 1,50. Mein Kollege, der sein Kleingeld loswerden wollte, ließ 1,70 am Tisch liegen. Der Kellner erlaubte sich die Bemerkung, dass mein Kollege mehr Trinkgeld geben würde als ich, ob ich nicht nachbessern wolle. Seitdem wird mit diesem Herrn auf den Cent genau abgerechnet. Ich will gar nicht wissen, was ich so alles zu trinken bekomme…

Trinkgeld kommt nicht am Ziel an

Ich weiß nicht, ob ich es als positiv erachten soll oder als negativ, wenn Trinkgelder, die an bestimmte Kellner ausbezahlt werden, in eine gemeinsame Kasse eingezahlt werden, um anschließend unter allen Mitarbeiten aufgeteilt zu werden. Sicherlich hat das positive Aspekte, denn der Küchenjunge, der für die fantastischen Topfenkolatschen verantwortlich ist, wird auch endlich entlohnt, andererseits ist das Trinkgeld ja Geste einer direkten Belobigung des Service, oder nicht?

Trinkgeld und Kreditkarten

Es gab einmal Zeiten, da konnte man das Trinkgeld ganz dezent durch Bezahlung mit Kreditkarte weglassen. War der Kellner ein Idiot oder blickte er nicht nur anatomisch auf den Gast herab – ein sehr gutes Beispiel für diese Art von Kellner bot vor noch eineinhalb Jahren die Pizzeria Francesco im 19. Bezirk – so zahlte man einfach mit Karte. Und just in dieser Pizzeria wurde ich zum ersten Mal mit einem Kreditkartenbon konfrontiert, der zwei weitere Felder unter der Gesamtsumme frei hatte: Das Trinkgeld als eigenen Posten und die ums Trinkgeld erweiterte Gesamtsumme. Rechnen? Nach dem Essen? Kommt nicht in Frage! Gesamtsumme wird hingeschrieben, das Trinkgeld darf sich der Kellner dann selbst ausrechnen. Einmal hab ich sogar eine Null auf diesen Posten gesetzt und dem Kellner die Gesamtsumme abgeschrieben. Er war beleidigt, hat aber auch später nichts an seiner Art geändert. Womit wir wieder beim Thema „Trinkgeld ändert nichts“ wären.

Warum man hin und wieder seine Meinung sagen sollte

Österreich ist ein Land des indirekten Beschwerens. Man beschwert sich nicht direkt, sondern über Briefe und E-Mails. Man sagt den Leuten nichts ins Gesicht, sondern umschreibt es höflich oder beschwert sich bei Vorgesetzten. Wenn jemand unfreundlich ist, fragen wir nach dem Vorgesetzten und sagen es nicht der betroffenen Person ins Gesicht. Ich bin dafür, dass Rechnungen künftig immer einen Posten fürs Trinkgeld haben, aber auszufüllen ist neben der Summe auch eine Begründung. Dann würden vielleicht sogar die Kellner im Café am Michaelerplatz erfahren, warum diese Nullen auf all ihren Rechnungen stehen.

Wieviel Trinkgeld gibt man in Österreich?

Daumen mal Pi: 5-7% oder die nächste runde Summe, aber – und hier meine Empfehlung – mache es die werte Leserschaft vom Verhalten des Kellners oder der Kellnerin unter Berücksichtigung der Umstände abhängig. Ich handhabe das folgendermaßen: Bei Getränken, deren Zubereitung ohne Aufwand verbunden ist und die immer überteuert sind, gibt es wenig Trinkgeld, bei allem, was das Lokal selbst herstellt, dementsprechend mehr.

Kellner, die sich bemühen, bekommen Trinkgeld, solche, denen es egal ist, nicht einen Cent. Nennt mir ein Kellner beispielsweise den zu zahlenden Betrag, sieht mich dabei aber nicht an, so fällt das Trinkgeld minimal aus. Lässt er die Rechnung auf meinen Platz fallen anstatt sie mir hinzulegen, kein Trinkgeld. Wird das Glas Leitungswasser mit einer „Servicepauschale“ auf der Rechnung aufgeführt, kein Trinkgeld. Zahle ich fürs Leitungswasser, obwohl ich auch andere Getränke konsumiert habe, kein Trinkgeld.

In Österreich ist das Trinkgeld niemals im Preis inbegriffen. Dementsprechend ist die Höhe des Trinkgelds die einzig valide Möglichkeit des Feedbacks, die ein Konsument tatsächlich hat. Nutzt es!

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