In meinen Bücherregalen stapeln sich Bücher, die ich nur in Teilen oder noch gar nicht gelesen habe. Einige, die diese Regale zu sehen bekommen, fragen mich, warum ich denn nicht eines auslese, bevor ich mir das nächste kaufe, und ich weiß nie, was ich auf so eine Frage antworten soll.
Ist es die Lust, die nächsten Dinge, mit denen ich mich beschäftigen will, schon bereit liegen zu haben, sollte mich plötzlich die Motivation packen, loszulesen, was viel öfter geschieht als mir lieb ist? Ist es eine gesellschaftlich akzeptierte und bisweilen anerkannte Zwangsstörung? Ist es eine Reaktion auf den Verlust von Zeit, der ich damit begegne, sie in Form niedergeschriebener Erlebnisse, Gedanken und Berichten zu horten? Ich habe, so ehrlich will ich sein, nie wirklich darüber nachgedacht, auch wenn mir die größer werdende Sammlung nur teilweise oder eben gänzlich ungelesener Bücher selbst schon auffällt.
Es ist aber nicht nur bei den Büchern in meiner Bibliothek so, sondern auch bei der Anzahl der ungelesenen Elemente in diversen Feedreadern oder Read Later-Services, ganz zu schweigen von den geöffenten Tabs in den verschiedenen Browsern. Sie alle habe ich geöffnet, um mich später mit den dort zu findenden Inhalten zu beschäftigen. Oftmals schlummern diese Elemente über Monate in diesem Zustand des Wollen, aber nicht Tuns auf meiner Seite. Oft sind Artikel und Kommentare, wenn ich dann endlich einmal dazu komme, sie mir anzusehen, schon veraltet, und mir bleibt nicht viel als sie mit ⌫ (Löschen) im Reader oder ⌥ + W (Tab schließen) aus dem Browser zu entfernen.
Ich habe weder mehrere hundert offene Tabs, noch mehrere hundert ungelesene Bücher jemals als Problem angesehen. Ganz im Gegenteil. Sie waren und sind stete Motivation und Freude, mich bei nächster Gelegenheit mit alledem zu beschäftigen, was ich während meines Browsings im Web, dem Durchscrollen im Newsreader oder den Besuchen bei den Bücherläden meines Vertrauens gefunden und zur weiteren Begutachtung gesammelt habe. Und da ist schon der Begriff! – Gehöre ich also zu den Sammlern, zu denen, die eine Antibibliothek errichten? Oder doch zu jenen, die den Begriff Tsundoku bevorzugen, weil ich das „Anti“ in der Antiblibothek nicht erkennen kann?
Jedenfalls gehöre ich definitiv zu denen, die lieber ein Buch, einen Tab oder einen Eintrag im Newsreader zu viel und ungelesen als zu wenig und versäumt haben. Und ich bin nicht allein.
According to statistician Nassim Nicholas Taleb, these unread volumes represent what he calls an “antilibrary,” and he believes our antilibraries aren’t signs of laziness or some intellectual failing. […] When [Umberto] Eco had visitors over, they would marvel at the size of his library and assumed it represented their host’s collected knowledge […] But a few savvy visitors realized the truth: Eco’s library wasn’t voluminous because he had read so much; it was voluminous because he desired to read so much more. […] Read books are far less valuable than unread ones. [Your] library should contain as much of what you do not know as your financial means, mortgage rates, and the currently tight real-estate market allows you to put there. You will accumulate more knowledge and more books as you grow older, and the growing number of unread books on the shelves will look at you menacingly. Indeed, the more you know, the larger the rows of unread books. Let us call this collection of unread books an antilibrary.
Big Think
Diese Bibliothek ungelesener Bücher trägt auch zur Charakterbildung bei, meinen Taleb und fast alle, die sein Konzept der Antibibliothek kommentiert haben. Wer tagtäglich mit dem konfrontiert ist, was er nicht weiß, entwickelt eine Art intellektuelle Demut vor dem gewaltigen Ausmaß an Wissen, das es auf dieser Welt gibt. Wird die Antibibliothek somit gewissermaßen zum sichtbaren Präventionspaket gegen den Dunning-Kruger-Effekt? Warum eigentlich nicht?!
Shelves of unexplored ideas propel us to continue reading, continue learning, and never be comfortable that we know enough. They provide the foundation for a healthy and robust intellectual humility. Those who lack [it] may enjoy a sense of pride at having conquered their personal book collection, but such a library is no more alive or useful than a trophy mount. It becomes an “ego-booting appendage” for decoration alone. Not a living, growing resource we can learn from until we are 80 — and, if we are lucky, a few years beyond.
Big Think
Sicherlich gibt es Kritik am Begriff der Antibliothek. Eine Bibliothek, so beispielsweise jene von Kevin Mims in der New York Times, beinhaltet ja bereits die Möglichkeit ungelesener Bücher, wozu also einen eigenen Begriff dafür haben? Wer mit Antibibliothek ein Problem hat, die gelesenen von den ungelesenen Büchern trennen und darauf auch zu sprechen kommen will, so Kevin Mims Vorschlag, könnte zum Beispiel auf den japanischen und hierfür gut geeigneten Begriff „Tsundoku“ zurückgreifen. Tsundoku kennt aber, und hier kritisiert er auch diesen Begriff, nur gelesene oder ungelesene Bücher. Denn wo, und das ist eine durchaus berechtigte Frage, ordnet man teilweise gelesene Bücher ein? Es wäre ja zu schön, würde die Etablierung des einen Begriffs nicht gleich mit Problemen konfrontiert sein. Aber es ist die New York Times, also geben wir uns dem intellektuellen Spiel hin und folgen dem Gedanken.
I don’t really like Taleb’s term “antilibrary.” A library is a collection of books, many of which remain unread for long periods of time. I don’t see how that differs from an antilibrary. A better term for what he’s talking about might be tsundoku, a Japanese word for a stack of books that you have purchased but not yet read. […] In truth, however, the tsundoku fails to describe much of my library. […] People like Taleb, Stillman and whoever coined the word tsundoku seem to recognize only two categories of book: the read and the unread. But every book lover knows there is a third category that falls somewhere between the other two: the partially read book. Just about every title on a book lover’s reference shelves, for instance, falls into this category. No one reads the American Heritage Dictionary or Roget’s Thesaurus from cover to cover.
Kevin Mims
Da sind wir nun und wissen über die Begrifflichkeiten für die Sammlung gelesener, ungelesener und teilweise gelesener Bücher und sonstiger Medien bescheid. Reeder zeigt mir aktuell 815 ungelesene Einträge im Newsreader an. Davon werde ich, so schätze ich mein Lese- und Interessensverhalten ein, etwa drei Viertel überfliegen und löschen. Von den übrigbleibenden fünfundzwanzig Prozent werde ich neunzig für die spätere Lektüre markieren und die verbleibenden zehn unmittelbar lesen. Ein oder zwei Beiträge davon werde ich wiederum bald schon hier als Blogbeitrag kommentiert veröffentlichen. Und von denen im Später-lesen-Ordner irgendwann einmal ebenso ein oder zwei. Oder sie bleiben auf ewig darin liegen.
Danke für den Beitrag, spannend! Er hat mich darüber nachdenken lassen, was für Auswirkungen das auf eBooks hat: https://www.schreiblehrling.de/sind-antibibliotheken-ein-argument-gegen-digitale-bucher/