In meinem Feedreader bin ich auf gleich zwei Beiträge gestoßen, in denen zwei Autoren – der eine vom anderen motiviert – über ihren Abschied von RSS berichten. Beide sind von der schieren Menge an Beiträgen, die sie via RSS empfangen haben, überwältigt. Beide beschreiben ein Problem, das ich nicht dem RSS-Protokoll zuschreiben würde, sondern ihrer Art, Feeds zu abonnieren.
Jon berichtet, sein digitales Leben bereinigen zu wollen. Das Lesen von RSS-Feeds fühlt sich für ihn wie Arbeit, vor allem aber wie das Scrollen in den Sozialen Medien an. Deshalb gibt er das Lesen über RSS auf.
The constant need to check rss feeds was as bad for me as a regular social media network. It made me feel like work too. […] I prefer visiting blog sites and enjoying their personal designs. It gives me a chance to check their other interesting pages like blogrolls, uses and now, for example. […] I feel the enshittification of everything digital and analog has beaten me down. It is hard to get away from it but the best I can do for myself is have less of it in my every day life.
Jon
Jon hat sich in meinen Augen selbst zum Algorithmus gemacht. Anstatt zu lesen, was ihn interessiert, widmet er sich der Arbeit des Sortierens, um mit der Nachrichtenflut zurechtzukommen. Wenn aber Jon sich selbst zum Algorithmus macht, um interessante Dinge zu finden, dann wundert es mich nicht, dass er diese Tätigkeit als Arbeit empfindet. Die Enshittification greift massiv ins digitale Leben von uns allen ein, aber in diesem Fall scheint mir das Problem selbst erzeugt zu sein.
Nicht viel anders Michał Sapka. Wie Jon beschreibt auch er nicht ein Problem des Protokolls, sondern eines übervollen Feedreaders. Er schreibt von Arbeit, von hunderten von Nachrichten, die er in einem Rutsch als gelesen markieren muss, um RSS nutzen zu können.
I’d open my RSS reader after a few days away and find a hundred unread posts. I’d mark them all as read. That was my reading habit. […] Someone’s writings had become noise I treated no better than a teenager scrolling past a picture on Facebook Instagram. To counteract that, I stopped using RSS. […] I want my usage of The Internet to be as conscious of an act as possible. No algorithm, no spam, no „Orange Site“, and now no RSS. […] Link dumps are great and preselected by someone I already trust enough. But I don’t treat any of those as a second job, while keeping up with an RSS flood was too much hustle to still get joy from. […] The surprising gift of this change was rediscovering how beautiful the small web is. People spend months adjusting their designs, just for it to be hidden behind some RSS reader.
Michał Sapka
Es ist eh super, dass beide Autoren nun die Websites und Blogs derer besuchen, deren Nachrichten sie tatsächlich interessieren. Und ja, so soll es auch sein. Und ja, das Small Web ist schön. Aber das ändert nichts daran, dass ihre Nutzung von RSS schlichtweg falsch war.
Interessant ist, dass dieses Problem keineswegs neu ist. Marco Arment beschrieb bereits 2011 nahezu dieselbe Situation und schlug eine einfache Lösung vor: Abonniere weniger, abonniere seltener. Wer seinen Feedreader erst aufräumen muss, um an relevante Nachrichten zu kommen, hat zu viele Websites im Feedreader abonniert. Das ist kein Fehler der Technologie, sondern eine Folge des eigenen Nutzungsverhaltens. Verändert man es, erfüllt RSS einwandfrei seinen Zweck. Jon und Michał haben nicht ihr Nutzungsverhalten hinterfragt, sondern die Technologie verantwortlich gemacht.
Und ich? Ich abonniere wie ein Messie. Aber ich sortiere auch regelmäßig aus. So richtig zum Lesen von Feeds komme ich oft nur am Wochenende. Die Lektüre beginnt allerdings mit einer kleinen Reinigungshandlung: Feedbin zeigt neben jedem abonnierten Feed die Anzahl der ungelesenen Nachrichten. Bleibt diese Zahl mehr als zwei Wochen lang zweistellig, beende ich mein Abonnement. Bei Blogs, die regelmäßig mehr als 9 Beiträge pro Woche veröffentlichen, zweifle ich an der Qualität. Meiner Erfahrung nach sind mindestens 8 davon entbehrlich. Linkblogs nehme ich von dieser Regel aus. Dort sind deutlich mehr Einträge pro Woche üblich.
So habe ich es nun schon über mehr als zwei Jahrzehnte geschafft, meinen Feedreader weiterhin als Freude, Freizeit und Spaß zu empfinden und ihn gerne beim morgendlichen Kaffee aufzurufen, um die wichtigen und unwichtigen Neuigkeiten von euch Geeks da draußen serviert zu bekommen.