Claude sagt, ChatGPT meint – et tu?

"Anton hat ein Problem und will darauf aufmerksam machen." ist nicht "Anton hat sich mit einer KI über sein Problem unterhalten und will darauf aufmerksam machen."

Bitte hör auf, deine KI als „Gesprächspartner“ zu präsentieren und deine „Dialoge“ mit ihr als Stilmittel oder gar als Inhalt zu nutzen. Das ist irreführend, ästhetisch schwach und argumentativ wertlos. Deine „Gespräche“ mit ChatGPT, Perplexity, Gemini oder Claude machen deinen Text nicht überzeugender. Oft erklären sie nichts, belegen nichts und bringen den Gedankengang nur selten weiter.

Das hier ist kein Rant gegen KI, sondern gegen schlechte Texte mit KI-Kulisse.

Versteh mich nicht falsch. Nutze KI, aber nutze sie sinnvoll. Ein kurzer, analysierter Ausschnitt ist okay; ein ellenlanger, unreflektierter Dialog nicht. Wenn der Dialog selbst dein Thema ist, zeig ihn. Wenn er nur die Kulisse deiner Meinungsbildung ist, kürze ihn weg. Warum zeigst du uns nicht gleich das Resultat? Warum diese mühsame Herleitung über das „Gespräch mit einer KI“? Sag doch, was du sagen willst! Was ich lesen will, ist deine Überlegung, dein Gedanke, deine Meinung. Das ist interessant. Von mir aus nutze einen aufs Wesentliche gekürzten Ausschnitt aus deinem „Dialog“ als Ausgangspunkt. Die meisten Artikel, in denen du KI-Dialoge zitierst, würden ohne diese Zitate besser funktionieren.

Niemand hat je „mit Google gesprochen“ oder darüber berichtet, „auf der Suchergebnisseite gescrollt“ zu haben. Doch jetzt unterhält man sich mit ChatGPT, diskutiert mit Perplexity und argumentiert mit Claude? Sobald die Oberfläche wie ein Chat aussieht und sich Ein- und Ausgabe wie ein Gespräch anfühlen, schwindet die kritische Distanz zwischen Autor und Werkzeug. Plötzlich heißt es, Claude sagt, Gemini behauptet und ChatGPT meint1. Die KI erscheint nicht mehr als Werkzeug, sondern als Gegenüber.

Das Chat-Format, mit dem Google, Anthropic und OpenAI arbeiten, ist keine Notwendigkeit für die Interaktion mit den jeweiligen Modellen, sondern eine bewusste Entscheidung. Es ist ein Interface, das Menschlichkeit suggerieren kann. Es ist auf Freundschaft und scheinbare Agency optimiert, also auf den Eindruck, dass da jemand handelt, antwortet oder eben „meint“. Die KI-„Antworten“ kippen allzu leicht in Gefälligkeitsverzerrung (Sycophancy) – einen langweiligeren und sinnloseren Dialog kannst du kaum führen. Es ist ein „Gespräch“ ohne gewachsene Kontroverse, ohne echte Reibungspunkte, ohne verantwortete Herausforderung. Und wenn doch, dann nur synthetisch, als Teil einer Ausgabe, die plausibel und ausgewogen wirken soll. Genau diese Gefälligkeit gibst du dann als Objektivität aus. Hier beginnt das eigentliche Problem.

Du tarnst deine Meinung als Zitat. Was du uns zeigst, ist deine eigene Position, von KI verstärkt und in einem „Dialog“ versteckt. Du zitierst, was du selbst hervorgebracht hast, verkaufst es aber als unabhängigen Beleg. Je kontroverser der Dialog wirkt, desto problematischer wird das Zitat, weil es den Anschein von Neutralität und Objektivität verstärkt. Im Kern zitierst du dich aber selbst.

Du hast die Antwort angestoßen, ausgewählt, gekürzt und durch deine eigene Sprache gerahmt. Du verschweigst die KI-Nutzung nicht; ganz im Gegenteil, du machst sie sichtbar, erklärst sie, stellst sie aus. Gerade diese demonstrative Transparenz macht das Problem größer, genau darin liegt das Paradoxon: Was Vertrauen schaffen soll, verstärkt die Scheinautorität der zitierten Antwort. So inszenierst du einen fremden Denkprozess, der nie stattgefunden hat, und führst nicht nur dich selbst, sondern auch andere in die Irre. Das ist keine Objektivität, sondern feintrainierte Gefälligkeit. RLHF galore!

Schreib wie du willst, tu wie du willst – dein individueller Zugang macht die Sache ja interessant. Aber wenn du mir etwas sagen willst, wenn du möchtest, dass ich deinen Artikel lese und deine Botschaft annehme, dann teile sie mir doch bitte auch mit! Schreib über Erkenntnisse und Argumente, die dich überzeugen. Schreib über die Resultate deines Denkens. Ich will deinen Punkt verstehen, wissen, was du mir sagen und worauf du hinauswillst. Was ich nicht will? Sofern es nicht das Thema selbst ist, will ich nicht wissen, „was die KI denkt“, dass du „im regen Dialog mit ChatGPT“ warst, dass du eine KI „um Fragen gebeten“ oder „zur Rede gestellt“ hast; nicht, dass sie sich „bei dir entschuldigt“ hat oder dass du sie „dabei erwischt“ oder „korrigiert“ hast, als sie „einen Fehler gemacht“ hat. Deine kleine Heldenreise durch die Gegenwartstechnologie ist nicht das Thema. Komm zum Punkt und verstecke ihn nicht hinter KI. „Anton hat ein Problem und will darauf aufmerksam machen.“ ist eben nicht „Anton hat sich mit einer KI über sein Problem unterhalten und will darauf aufmerksam machen.“

Beschreibe deine intellektuelle Reise, deine Zweifel oder deine Erkenntnisse. Oder schreib einfach über das Offensichtliche. Zitiere KI, wenn es unbedingt sein muss und fürs Verständnis relevant. Argumentiere, berichte, reg dich auf oder schreibe einen Rant. Aber quäl mich nicht mit ellenlangen, gefälligkeitsverzerrten KI-Zitaten, die du als Beleg für dein eigenes Denken verkaufst!

  1. Vielleicht ist dieser Aspekt auch das große Problem von Google, das ja nach wie vor mit einem Such-Eingabefeld startet und erst im Prozess der Suche ins Chatfenster wechselt. Da ist ein kognitiver Sprung, der die Userinnen und User Google nach wie vor weniger als KI und mehr als Suchmaschine wahrnehmen lässt. Vielleicht müsste Google den Prozess sogar umdrehen. Aus einem Recherchevorgang würde primär ein Gesprächsverlauf werden. Das Interface wäre vorrangig ein Chatfenster und würde nur bei Bedarf ins Such-Interface wechseln. ↩︎

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