COVID-19, Tag 867: Ich fühle mich nicht krank 🍻

Infektiös? Was soll das sein? Ich fühle mich ja nicht krank! Wirt, noch eine Runde!

Mittwoch, 27. Juli 2022, Tag 867 der Corona-Pandemie. Ab 1. August 2022, also in 5 Tagen, muss man in Österreich, wenn positiv aufs Coronavirus getestet, nicht mehr in die Quarantäne. Stattdessen kann man, wenn man sich „nicht krank fühlt“, mit ein paar Einschränkungen praktisch alles machen.

Ab 1. August ist es dann möglich, infektiös und krank arbeiten zu gehen oder Veranstaltungen zu besuchen. Man darf sich nur nicht krank fühlen. Es gelten lediglich „Verkehrsbeschränkungen“ und ein paar wenige ohnehin auch ad absurdum geführte Einschränkungen. Zuerst zu den Einschränkungen: Bin ich krank, so darf ich Spitäler, Heime, Kindergärten, Volksschulen und Horte nicht betreten, es sei denn – man bringe den Spritzwein, diesmal aber präventiv und nicht kurierend – man ist an einem der Orte beschäftigt. Also: Kranke Gäste nein, kranke Angestellte ja.

Was die allgemeinen Verkehrsbeschränkungen angeht, so ergibt sich eine paradoxe Situation. Man darf die Quarantäne verlassen, allerdings darf die Maske nicht abgenommen werden: Es ist somit erlaubt, arbeiten zu gehen. Aufgrund der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers ist damit die Pandemie aus den Händen der Politik in die Hände der Arbeitgeber übergegangen. Tatsächlich findet sich im ORF.at-Beitrag zu dieser Situation auch die Passage:

Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber [müssen] auf Basis eines Covid-Risikoattests betroffenen Beschäftigten Schutzmaßnahmen wie Einzelbüros oder Homeoffice zur Verfügung stellen[…] Können solche nicht gewährt werden, gibt es einen Rechtsanspruch auf Dienstfreistellung.

ORF.at

Ja. Ganz bestimmt. Wir erinnern uns, was die Angestellten in Ischgl zu berichten hatten. – Aber es geht ja weiter und die Sache ist heikel. Und sie wird noch heikler, wenn man den Spieß umdreht – ein Versuch, den Martin Thür gestern in der ZIB2 durchgeführt hat, den aber der aktuelle Gesundheitsminister bewusst (oder unbewusst) ignoriert hat. Die Umkehrung als Frage an den Gesundheitsminister:

Kann ich etwa zuhause bleiben, wenn an meinem Arbeitsplatz bereits mehrere Infizierte sind [und] ich befürchten muss, dass ich mit ihnen Kontakt habe. [Wenn] ich mich selbst nicht anstecken will, kann ich dann zuhause bleiben, weil ich Angst habe?

Martin Thür, ZIB2

Antwort: nein. Und sinngemäße Zusatzantwort: Wer sich krank fühlt, bleibt ja ohnehin zuhause. Dann kam irgendwas von Eigenverantwortung. Und damit habe ich das Thema für mich abgeschlossen, denn wenn wir in den letzten 867 Tagen etwas gelernt haben, dann, dass „Eigenverantwortung“ ein Begriff ist, der an Leere kaum überboten werden kann. Eigenverantwortung basiert nämlich auf Wissen über die Situation in der man sich befindet und am Interesse daran, dieses Wissen so nah an der Wahrheit wie möglich zu verorten und alles dran zu setzen, es dort zu behalten. Immerhin, es ist Entscheidungsgrundlage für künftiges Handeln. Da sollte kein Spielraum für Heilsversprechen oder Erlösungsromantik sein. Wenn das nur nicht so anstrengend wäre! Und so mühsam! Und so kontroversiell und voller Revisionen und Korrekturen!

Da hilft es doch oft, sich einfach auf den gemütlichen Pool leicht verständlicher Erklärungen dieser Welt in leicht zugänglichen Kanälen am Smartphone zu stützen, oder? Vor allem steht dann da drinnen, was man sich selbst denkt! Ist das nicht super, wenn ich lesen kann, was ich mir selbst denke, und mich damit noch mehr bestärken kann? Kein Widerspruch, keine neuen Ideen oder nicht haltbaren Erklärungsmodelle! Fuck yeah!

Jedenfalls fühlt sich nie jemand krank und wer sich krank fühlt greift in Österreich fast schon traditioneller Weise zu Grippostad, Aspirin oder zu Schmerzmitteln. Wir bewegen uns also auf einen Herbst zu, in dem vermeintliche Verkühlungen tatsächliche COVID-Erkrankungen sein werden. Mit all den zugehörigen Folgen.