Wenn ich zwei Artikel gänzlich unterschiedlicher Quellen in meinem Newsreader vorfinde, die den Verlust stiller Räume beklagen, dann sehe ich genauer hin. Was ich dort lese, spricht mir aus der Seele und führt beispielsweise auch dazu, dass ich, so gut es geht, solche Räume meide. Was früher eine Möglichkeit war, die zwar mit unangenehmen, aber im Sinne eines pragmatischen Zugangs erträglichen Nebenwirkungen einherging, ist nunmehr zu einer mit allen Mitteln zu vermeidenden Option geworden.
Ich spreche über öffentliche Verkehrsmittel, über Bibliotheken, über Museen, Kinos und andere Orte, in denen es für gewöhnlich still sein sollte, die nunmehr aber durch lautes Sprechen oder durch die noch viel nervigeren Lautsprecher verschiedener Handys mit Lärm erfüllt werden. Orte, die ehemals still waren, wurden nun laut.
Der eine Artikel aus dem Feedreader stammt aus der FAZ. Dort beklagt Carolin Amlinger den zunehmenden Lärm aus Smartphone-Lautsprechern, der die Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln stört. Viele Menschen nutzen ihre Handys ohne Kopfhörer für Inhalte von Tiktok, Youtube und anderen lauten Kanälen, was von Mitreisenden als rücksichtslos und als Verletzung der gesellschaftlichen Regeln empfunden wird.
Den anderen Artikel zum selben Thema habe ich bei Ted Gioia gefunden. Auch er verweist primär auf die öffentlichen Verkehrsmittel bzw. auf die „Quiet Cars“ in Zügen und auf den durch sowohl private Konversationen als auch durch Kindergeschrei in Museen verursachten Lärm, sowie an der Aufhebung des Kriteriums Stille in Bibliotheken. Gerade der letzte Punkt stößt ihm sauer auf.
Not long ago, these sanctuaries were so sacred that librarians became emblems of imposed silence. Shushing was to a librarian what the Hippocratic oath was for a doctor—or maybe even more sacred. […] Not long ago, even the humblest public library shared in this aura of reverence and sanctity. You didn’t need to be a duke or Oxford don or billionaire Bruce Wayne to enjoy it—it was now provided to everybody at the city’s expense. […] Libraries are no longer quiet places. […] If we lose libraries as the last public space for quiet reading and reflection, what can replace it? Perhaps a few religious sanctuaries remain where quiet can be found.
Ted Gioia
Interessant finde ich aber, dass sowohl Ted Gioia als auch Carolin Amlinger (in der FAZ) zum gleichen Schluss kommen. In beiden Artikeln wird das Ignorieren der impliziten Aufforderung, still zu sein, der Pandemie in die Schuhe geschoben. Beide gehen davon aus, dass die Menschen den Respekt vor unausgesprochenen Regeln, so eben auch das Eindringen in die Sphäre Anderer durch laute Musik, nervtötende Gespräche und andere Lärm verursachende Handlungen, in der Pandemie verlernt haben.
People spent months in isolation, and when they returned to public spaces, they had forgotten the basic rules of polite behavior in these communal settings. They stopped using headphones. They did Zoom meetings on speaker phone. In general, they stopped worrying about intruding on other people’s quiet—and didn’t bother to restrain their behavior or devices.
Ted Gioia
Ted Gioia sieht keinen anderen Ausweg aus diesem Dilemma, außer Isolation. Das Individuum, das Stille benötigt, muss sich einen Ort suchen oder technische Maßnahmen setzen, um in Ruhe und Stille lesen, Musik hören, arbeiten, sonstigen Dingen nachgehen oder einfach entspannen zu können.
Mein persönlicher Beitrag zu dem Thema: Ich bin früher oft und gerne ins Fitnessstudio gegangen, weil ich dort in relativ ruhiger Umgebung trainieren konnte, mich aber viel mehr auf die dem Training folgende Erholung im Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Ruheraum freute. Ein gutes Buch, die Stille im Ruheraum – und ein Tag wurde zu einem guten Tag. Vor einigen Jahren aber – ich kann das allerdings zeitlich nicht mit den Pandemiejahren gleichsetzen – wurden die Ruheräume und sogar die Sauna selbst immer lauter. Das Handy hielt Einzug in beide Orte; die damit verbundene Lärmbelästigung (keine Kopfhörer, sondern Lautsprecher, und Telefonate) ebenso. Und ja, wir sprechen hier vom Handy in der Sauna. Der Ruheraum war verloren, die Sauna, das Dampfbad und alles, das dem Schall aus dem Gerät ausgesetzt war, ebenso. Ich konnte mich beim Lesen nicht mehr konzentrieren, weil das Plaudern und Telefonieren oder die Geräusche von Handy-Spielen mich irritierten und meinen Fokus vom Geschriebenen ablenkten. Ich kündigte bald schon meine Mitgliedschaft im Fitnesscenter, denn trainieren kann ich woanders auch. Den Wellnessbereich finde ich nicht so schnell wieder. Und ihn daheim nachzubauen, ist mir zu mühsam. Da gehe ich liebes Spazieren und habe dort, wo man mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer hinkommt, meine Ruhe.
Wieder zurück zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Museen und Bibliotheken. Was ist da passiert? Etwas, das wir alle bereits hatten, das kostenlos und für uns alle gut war, Stille nämlich, wurde hier vernichtet. Und wer sie wieder haben will, muss sie um teures Geld wieder erlangen. Durch schallisolierende Kopfhörer, durch den Rückzug aus häufig frequentierten Orten oder so, wie es die Superreichen tun, durch den kontinuierlichen und fortschreitenden Ankauf von Liegenschaften.
Wir Menschen sind schon recht eigenartige Wesen. Auf der einen Seite sehnen wir uns nach Orten der Stille, auf der anderen vernichten wir sie aus wirklich nichtigen Gründen; wenn es uns nicht in den Kram passt, nämlich. Dass wir dabei das ungeschriebene Gesetz eines Ortes zugunsten unserer individuellen Freiheit opfern, damit aber die Freiheit für alle einschränken, ist uns dabei offenbar nicht bewusst oder ein befremdlicher Gedanke. Später beklagen wir das Fehlen solcher Orte und isolieren uns geografisch oder, wenn das zu viel kostet, mit entsprechenden technischen Hilfsmittlen wie zum Beispiel schallisolierenden Kopfhörern. Oder wir leben mit dauerhaft erhöhten Stresswerten und stopfen uns ab einem bestimmten Alter mit Medikamenten voll, um dem Druck der Natur, endlich Ruhe zu finden, irgendwie stand zu halten.
Nicht viel anders verhält es sich übrigens auch mit anderen Errungenschaften gesellschaftlichen Zusammenlebens wie zum Beispiel der Sauberkeit in kommunalen Räumen oder an öffentlichen Plätzen. Es ist aber ein Kampf gegen Windmühlen, also lassen wir ihn gleich sein.
Aktualisierung am 18. August 2025
Andere sehen das gleich bzw. ähnlich.
If you don’t have headphones you do not play media on your device in public. That’s the rule. Don’t be an obnoxious dick.
Fairchild
Und noch besser: Es scheint, dass das Washington State Department of Natural Resources das Thema äußerst sarkastisch in Angriff genommen und eine Playlist mit dem Titel „Songs people on the trail want to hear from your Bluetooth speaker“ veröffentlicht hat.
Aktualisierung am 31. Oktober 2025
Jamie Marsland regt sich auch über den unangenehmen Umstand kontinuierlicher Lärmbelästigung und über die völlige Fehleinschätzung der eigenen Position in einer Gruppe von Menschen auf und bringt auch gleich ein passendes Beispiel, das wir – was noch viel schlimmer ist – sicher alle so oder so ähnlich kennen.
I was working in my local café yesterday […] Everything was lovely. There was soft chatter, the faint hum of the espresso machine, and the comforting illusion that humanity still had some manners left. Then he arrived. A man in his late fifties, well-dressed, the sort of chap who probably irons his socks. […] Without hesitation and with the sort of casual confidence usually reserved for people who think “quiet zones” are a suggestion, he pulled out his phone and started watching a YouTube video. Out loud. […] I leaned over politely, as politely as one can while suppressing the urge to throw a biscotti, and said,
Jamie Marsland
“I’m really sorry, but could you turn that off or put on some headphones?” He looked at me as though I’d just asked him to surrender his human rights. He got indignant. He got cross. He said no. I said it was really anti-social. He said I was anti-social. We had, in other words, reached the point in the debate where reason had packed up and gone home.
Viel öfter als dass ältere Herren ihre YouTube-Videos in Lokalen ansehen, sehe ich Mütter Kindern ein Tablet vor die Nase stellen, auf dem (unendlich nervende) Kinderfilme laufen. In voller Lautstärke. Aber am Ende ist’s dasselbe Problem: Beiden – Mann und Mutter – ist es egal, was rund um sie herum passiert. Und das trifft und ist das Kernproblem.
Das spricht mir so aus der Seele – wobei ich allerdings dachte, ich wäre alleine mit meiner Genervtheit. Inzwischen könnte ich schon regelrecht ausrasten, wenn jemand in meiner Hörweite in sein Smartphone labert oder ich Youtube, Tiktok und ähnlichen Mist gezwungenermaßen mit anhören muß. Außerdem ist die Fähigkeit des Flüsterns inzwischen verlorengegangen, was ich immer merke, wenn irgendwelche Deppen mitten in der Nacht am Haus vorbeilaufen und sich unterhalten. Einfach nur ätzend.
Ja, die ganze Sache ist wirklich aus dem Ruder gelaufen. Auch gestern wieder: Ich sitze gemütlich im Park, weil ich außerhalb des Büros ein Telefonat führen wollte, doch auf der Parkbank neben mir fühlt sich ein Individuum bemüßigt, irgendwelche Videos anzusehen und dabei den Bereich um sich herum zu beschallen. Für mich wäre soetwas ein völlig klarer Anwendungsfall für Kopfhörer. Aber ich fürchte, wir sind da in der Minderheit… Ja, ätzend!