Was Gruber dachte, sagen zu wollen

John Gruber hat Cotypist ausprobiert und wirkt irritiert. Die App sei "zu gut", sie formuliert Gedanken, bevor sie vollständig gedacht sind. Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Wer ist eigentlich der Urheber eines solchen Gedankens?

John Gruber beschwert sich über Cotypist, eine App, die beim Schreiben den Kontext analysiert und Wörter, Sätze, ja ganze Absätze zur Übernahme anbietet. Was Cotypist leistet, so Gruber, sei nicht mit banaler Autovervollständigung zu vergleichen. Die App wirbt zwar damit, den Prozess des Schreibens lediglich zu beschleunigen, tatsächlich liefert sie jedoch inhaltlich passende, stilistisch präzise Textprädiktion. Das funktioniert „zu gut“, meint Gruber. Er muss damit klarkommen, dass sein „Denken“ nicht einzigartig, sondern vorhersagbar scheint. Aber er bleibt fair und nimmt die Technologie ernst.

[Cotypist’s] suggestions are so good, and so often on-point for what I intend to write. […] It’s like having a voice in my ear whispering my own thoughts before I think them. But are they my thoughts, or are they just close to my thoughts? They’re so close I can’t tell. And thus the experience of seeing these words appear before I’ve typed them feels more like a curse than a blessing […]. I’d find Cotypist far less distracting if its suggestions weren’t as good — but in that case it wouldn’t be nearly as interesting or useful, and I wouldn’t be writing about it at all.

But I’m a writer. I enjoy writing. Writing is probably the most satisfying and fulfilling thing I do in life. I enjoy picking every word as I get to it. I find a blinking insertion point in the middle of a good but half-written sentence to be thrilling.

John Gruber

Wenn Cotypist hält, was es verspricht, dann ist die App Rettung für alle, die gezwungen sind, Gebrauchstexte zu verfassen. Das stupide Wiederkäuen standardisierter Floskeln ist ohnehin eine Beleidigung des Geistes. Wenn ein „Schriftstück“ aufgesetzt und mit einigen wenigen Referenzen zum wahren Leben da draußen gefüllt wird (Namen, Orte, Handlungen), dann ist das kein kreativer Versuch, es in seiner Fülle abzubilden. Diese Sprache übersetzt das Leben in rechtliche Einheiten mit eigener Logik. Ihr Formalismus entpuppt sich als Algorithmus, mühsam ins Wort übersetzt. Braucht diese Art von formalisierter Sprache überhaupt ein Tool wie Cotypist? Nein. Cotypist ist dafür zu kreativ. Dennoch frage ich mich, warum diese seelenlose, einem Skript folgende Arbeit nicht längst von Programmen erledigt wird. Sollen doch Maschinen die Menschen von dieser monotonen Arbeit, ihren Routinen und dem Formalismus befreien. Denn diese Befreiung, so wusste schon Heimito von Doderer, ist es, was zur „Menschwerdung“ seines Amtsrates Julius Zihal führen würde. Erst dort beginnt Schreiben wieder mehr zu sein als die mechanische Fortsetzung vorgefertigter Formulierungen. Genau an dieser Stelle wird Grubers Irritation verständlich.

Ich habe John Grubers Statement nicht wegen des vielen versteckten Lobes für die App zitiert, sondern wegen seiner impliziten Anmerkung darüber, wie sie ihn daran hindert, einen eigenen Gedanken zu entwickeln, bevor er als Text auf einem Bildschirm erscheint. Er schreibt wörtlich, Cotypist zu nutzen fühle sich an, als ob man seine eigenen Worte lese, obwohl der Kopf sich noch gar nicht dafür entschieden hat. Er fragt sich, ob das, was man da liest, die ins geschriebene Wort manifestierte Idee des Autors ist oder bloß die passive Übernahme eines algorithmisch generierten Entwurfs. Weil Cotypist beide Prozesse zeitlich so nah zusammenführt, ist man sich als Autor wohl nicht einmal mehr selbst sicher, wo genau die Trennlinie zwischen gedacht und generiert verläuft. Allein diese Unsicherheit macht die zweite Möglichkeit plausibel. Übernimmt ein Autor den Text in der Freude über die gelungene Formulierung, verliert er womöglich die Kontrolle über das, was er eigentlich sagen wollte. Da reicht bereits eine subtile Tonalität, die den Sinn verändern kann.

Natürlich bleibt der initiale Funke, die Idee und Motivation bei Gruber, schließlich muss er die Maschine anwerfen, indem er zu tippen beginnt. Doch ab jetzt passiert etwas, das das Gefüge der Autorenschaft fundamental verändert: Die Maschine verschiebt die Beziehung zwischen Denken und Schreiben. Der Mensch liefert den Impuls und entscheidet über die Übernahme des Vorschlags. Gerade die zeitliche Nähe zwischen Idee und Formulierung macht jedoch deutlich, wie unscharf die Grenze geworden ist. Die zentrale Frage lautet daher: Wenn das, was die App dem Autor vorschlägt, so nah an dem ist, was er dachte, sagen zu wollen, wem gehört dann die zu Wort gewordene Idee? Wer ist, die Frage darf hier gerne wortwörtlich gelesen werden, der Urheber des verschriftlichten Gedankens? John Gruber oder die KI?

Das eigentliche Problem liegt nicht im falschen Vorschlag und auch nicht im perfekten Treffer. Problematisch ist die Zone dazwischen. Ein Vorschlag kann dem Gedanken so nahe kommen, dass man ihn übernimmt, ohne zu bemerken, wie sehr er ihn zugleich verändert. Bedeutungen verschieben sich oft nicht abrupt, sondern graduell. Ein einzelnes Wort, eine leichte Tonalität oder eine bevorzugte Formulierung genügen. Jede Formulierung lenkt den Gedanken in eine bestimmte Richtung. Der Text wirkt wie der eigene, und doch entsteht etwas Fremdes.

Das eigentliche Leben eines Gedankens dauert nur bis er an den Gränzpunkt der Worte angelangt ist: da petrificirt er, ist fortan todt, aber unverwüstlich, gleich den versteinerten Thieren und Pflanzen der Vorwelt. […] Sobald nämlich unser Denken Worte gefunden hat, ist es schon nicht mehr innig, noch im tiefsten Grunde ernst. Wo es anfangt für Andere dazuseyn, hört es auf, in uns zu leben; wie das Kind sich von der Mutter ablöst, wann es ins eigene Daseyn tritt.

Arthur Schopenhauer

Was macht es mit uns, wenn zwei bislang vollständig voneinander getrennte Prozesse – das Schreiben und das Lesen nämlich – plötzlich zu einer Einheit verschmelzen und das geschriebene Wort als Scharnier für die Funktion des Denkens an Bedeutung verliert, indem es existiert, noch bevor wir zu denken begonnen haben? Bislang galt der Zusammenhang von Gedanke zu Wort, die Synthese eigenständigen Denkens mit selbsttätigem Schreiben, als wesentlich. Apps wie Cotypist verändern das, indem sie verdeutlichen, dass der Zeitpunkt, der Moment also, in dem die Intention ins Wort kippt, weitaus bedeutsamer sein kann. Es ist der Zeitpunkt, nicht der Zusammenhang, der zählt. Wenn das Wort bereits auf dem Bildschirm prangt, bevor der Gedanke seinen natürlichen „Gränzpunkt“ erreicht hat, wird der Prozess der Wortwerdung von der Maschine abgefangen. Sie zeigt uns, dass vieles von dem, was wir als Ausdruck unserer Individualität begreifen, mittlerweile zu einer statistischen Wahrscheinlichkeit geworden ist. Unser Denken gerät in den Sog statistischer Vorwegnahme: Freudig sehen wir die Worte der Autovervollständigung, während das Wort in uns nie zu leben begonnen hat. Schopenhauers Kind löst sich nicht mehr von seiner Mutter. Es erscheint bereits fertig vor ihr. Wir werden lernen und uns entscheiden müssen, ob wir diesen Limbo der Wortwerdung annehmen oder ablehnen. Vor allem aber werden wir uns entscheiden müssen, ob wir ihn wollen.

Wenn wir das Paradoxon allerdings akzeptieren, dann degradieren wir das, was einer wie John Gruber gerne tut, zur Schablone. Das erleuchtete Fenster erlischt. Schriftsteller, Autor oder Blogger zu sein, bedeutet dann, Inhalte zu moderieren, die wir nie geschrieben und womöglich in dieser Form nie gedacht, sondern ausgewählt und mit einem Klick bestätigt haben. Weil es aber unser Text sein soll, korrigieren und moderieren wir, was „wir“ produziert haben. Das ist nicht Teil eines noch offenen kreativen Prozesses, sondern erfolgt post festum, wie bei der Begutachtung der Texte Dritter. Nur sind wir dieser Dritte.

Zurück zu den profanen Dingen: Cotypist kann man 30 Tage lang kostenfrei ausprobieren. Natürlich werde ich das tun und berichten, wie es mir damit ergangen ist. Mich interessiert besonders, ob der Slogan, mit dem die App antritt – „your work, written with AI – not by AI“ – eingelöst werden kann. Nach allem, was wir gerade besprochen haben, ist das nämlich nicht nur ein Marketingversprechen, sondern eine fundamentale Frage unseres Verständnisses von Autorenschaft.

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