Wir sind Nationalfeiertag 2022

Wir haben vieles. Und vieles nicht. Nationalfeiertag 2022.

Wir haben einen schönen Morgen und guten Kaffee. Wir haben einen Wetterbericht, der uns einen schönen Tag vorhersagt. Wir haben zu hohe Temperaturen und einen Klimawandel, der uns vernichten wird. Wir haben Insta-Ladies und TikTok-Kids, die das Wetter nützen und vor Panzern, Hubschraubern und Starbucks posieren. Wir haben österreichisches, japanisches, italienisches, amerikanisches, vietnamesisches, indisches, israelisches, vegetarisches und veganes Essen, wir haben Mjam und Lieferando, aber keine Ahnung, was wir wollen. Wir haben Mitgliedschaften im Fitnessstudio, zweifeln aber immer mehr, ob das jemals etwas wird. Wir haben Messenger, aber kein Facebook mehr, und ja, wir haben Pandemie.

Wir haben Bekannte, die ihr Leben neu ordnen, und Verwandte, die ihres gerade noch haben. Wir haben Besuche im Pflegeheim, in Schulen, in Tagesstätten und Horten, in Spitälern und auf Friedhöfen. Wir haben Autofahrten, Flugreisen und den Transport mit dem Zug. Wir haben Reiseliteratur, aber keine Reiseziele, Ziele, aber keine Ideen und wir stellen immer mehr fest, dass die Bucketlist auch nur eine sinnlose, kommerzialisierte und inhaltsleere Bürde ist. Wir haben Pläne und die Gewissheit, sie nie in die Tat umsetzen zu können. Und wir tun, was wir nie geplant haben. Wir werden gelebt und leben nicht.

Wir haben Kurzparkzonen und Parkpickerl und Autos aus der Ukraine. Autos aus Mödling und Meidling, Ladestationen und Halteverbotszonen. Und eine rasch wachsende Gruppe von Menschen, für die ein Führerschein nicht einmal mehr ein erstrebenswertes Ziel ist. Wir haben Unverständnis und keine Toleranz, Ignoranz gegenüber sich verändernden Werten und die Last, lediglich Kitt zu sein. Wir haben She, He, Zie, Sie, Ey, Ve, Tey und E und „What is a woman“? Wir haben Krieg, schneiden uns die Haare ab, teures Gas und teuren Strom, billiges Gas, aber teuren Strom, und Möglichkeiten. Brickwise, Trade Republic, Scalable und Flatex. Wir haben Geld oder geben auf, jemals welches zu haben. Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen. Wir haben Red Bull. Und Nationalfeiertag in alter Normalität.

Wir haben die Jahre durchsegelt, aber den Anker nie eingeholt. Wir sehen zurück und sehen verlorene Jahre, den Stillstand und wie sehr unser Turn unserem Gefährt zugesetzt hat. Wir holen die Segel ein und überlegen. Wir haben vielleicht bald einen chinesischen Hafen, aber jetzt schon radikalisierte Konservative, eine unfähige Opposition, eine auf gleich geschaltete Partei und Unsympathler von oben bis unten. Einen drohenden Putsch über dem großen Teich und abertausende Fake-Accounts überall. Wir haben Twitter und Musk, Meta und Zuck, Kurz, Kurz und immer noch Kurz. Wir haben junge Nazis, alte Nazis, Kommunisten in Graz und linke Demonstrationen. Und wir haben „Aber Rechtschreibung konnten sie,“ völlige Unterwürfigkeit und Katzen.

Wir haben einen Bundespräsidenten, der zu beruhigen versucht, und eine Bevölkerung, die sich von der Bedeutung seiner Worte losgelöst hat. Wir haben Unverständnis, Ignoranz und Opposition, Impfgegner und Revoluzzer. Wir haben Netflix, Disney+ und Amazon Prime, aber keine Serien, die wir bingen können. Häuser, in denen wir leben, die wir uns nicht leisten können. Und Fitnesstracker, die wir nicht nutzen können. Wir haben Eltern und Großeltern, aber keine Fragen, die wir ihnen stellen können. Freundinnen und Freunde, aber keine Ahnung, was wir heute essen werden. Und wir haben ein paar Dinge nicht, die wir gerne hätten, aber uns nicht fragen trauen.

Wir können stolz auf uns sein. Wir sind Nationalfeiertag!