Werner Vogels, der CTO von Amazon.com, stellt kühl fest, dass das Innehalten und nicht unmittelbare Reagieren auf die ständig wiederkehrende Angst, den Anschluss zu verlieren, ein, wenn nicht der essentielle Aufgabenbereich eines Softwareentwicklers ist, da sich zwar die Technologien ändern, die zu lösenden Probleme aber immer dieselben sind.
Etablierte Lösungsstrategien sind dem Experimentieren mit Neuem in Produktivumgebungen eindeutig vorzuziehen. Besonders dann, wenn geradezu offensichtlich ist, dass eine Technologie einem Hype unterliegt und zu einem All-In-One-Werkzeug hochstilisiert wird, das sie nicht ist.
The thing about getting older as a developer, is that you have seen a lot and encountered many of the problems younger developers are facing (even if they look a little different on first glance). […] You have experimented a lot, and you have failed more times than you care to remember. You have half-a-head full of what is practical and works. And a quarter of that space has been trained to look for red flags, scanning for things that you know will go wrong. […] As an older developer, you’ve also seen patterns repeat themselves… constantly. Companies promising the moon but only delivering a package of Swiss cheese. And along comes AI. […] The older developer isn’t worried about the barrage of new model announcements and feature releases that come out every week. He’s seen that before. New tech, same patterns. […] And the older developer knows that this is exactly the time to press the pause button. To take a beat. […] Then you do exactly what you’ve always done. Have an in-depth conversation with your customer, listen, dive deep into their challenges, suggest architectures, migrations, and tools. And sometimes, the solution will be generative AI.
Werner Vogels
Werner Vogels‘ Analyse gefällt mir und ist deshalb so treffend, weil sie uns zwingt, genauer hinzusehen und eine Unterscheidung zu treffen, die der gegenwärtige KI-Hype zu verwischen droht. Auf der einen Seite gibt es die Technologie, die künstliche Intelligenz, auf der anderen den Mythos, den Hype, das Marketingversprechen, das im SaaS-Abonnement enden soll: die Künstliche Intelligenz. Die Ideologie hinter dem Mythos ist einfach beschrieben und stellt die konsequente Umsetzung einer „AI-First“-Strategie dar: Die Technologie wird dabei nicht als eine mögliche Lösung, sondern als die einzig gültige Antwort auf alle Fragen inszeniert. Vogels stellt die Analyse von Problemen und das Entwickeln nachhaltiger Lösungen diesem blinden Aktionismus entgegen. Das ist auch notwendig, denn wir erleben gerade, wie selbst die einfachsten Probleme, die mit etablierten Algorithmen trivial und kostengünstig zu lösen wären, über die Bande der Künstlichen Intelligenz und somit über ein kostenpflichtiges Abonnement einer KI gespielt werden. Hinter dieser Art von KI steckt also nicht etwa technologischer Fortschritt, sondern in hohem Maße die Angst, den Anschluss zu verlieren. Und das ist das Resultat erfolgreichen Marketings: Ihre Nutzung soll nicht aus technischer Notwendigkeit heraus geschehen, sondern die großen KI-Anbieter als unverzichtbare Infrastruktur im Kern des Webs verankern.
Aber gerade das macht Vogels‘ Text nicht obsolet, sondern geradezu notwendig. Denn ist einmal eine Infrastruktur etabliert, sind Machtstrukturen in Physik gegossen und für lange Zeit verankert. Das blinde und überstürzte Bauen auf einem neuen, kaum verstandenen, von geschäftsinteressen geprägten Fundament wirkt zwar wie ein Fortschritt, ist aber Fahrlässigkeit. Die wahre Aufgabe des erfahrenen Entwicklers ist es nicht, die neue Technologie zu leugnen und aus Prinzip abzulehnen, sondern zum Architekten zu werden, der die Probleme und Herausforderungen versteht, bevor er entscheidet, unter Anwendung welcher Technologie sie gelöst werden.
Werner Vogels‘ Plädoyer für das Innehalten ist daher mehr als nur der Rat eines erfahrenen Entwicklers. Es ist der Aufruf, die Wahl eines Werkzeugs nicht nur technisch, sondern auch strategisch zu bewerten – und sich nicht aus Angst, etwas zu verpassen, zu einem unfreiwilligen Komplizen dieser neuen Machtverschiebung machen zu lassen.