Frag nicht das Buch!

Amazon hat seinen Kindles eine "Frag das Buch"-Funktion spendiert. Wer sie nutzt, liest nicht mehr. Er lässt sich erzählen, was er denken soll. Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Kevin J. Duncan hat die neue Kindle-Funktion „Frag das Buch“ ausprobiert. Die Funktion zieht eine Ebene zwischen Mensch und Buch ein1 und wird als „Lese-Assistent“ präsentiert. Warum es nach hunderten Jahren Lesepraxis einen Assistenten dafür braucht, ist mir schleierhaft. Aber da sind wir.

This feature serves as your expert reading assistant, instantly answering questions about plot details, character relationships, and thematic elements without disrupting your reading flow. All responses provide immediate, contextual, spoiler-free information.

Amazon

Kevin J. Duncan hat die Funktion aber an die Spitze getrieben und eine Frage gestellt, die außerhalb des von Amazon definierten Kanons an Fragen steht. Zu „Alice im Wunderland“ fragte er: Warum wirkt die Logik im Buch so fehlerhaft? Diese Frage bezieht sich nicht auf Plot-Details, nicht auf Beziehungen der Charaktere untereinander und auch nicht auf thematische Elemente. Sie zielt auf eine ganz besondere Meta-Ebene ab, die die Lektüre von „Alice im Wunderland“ erst zu der spannenden Aufgabe macht, die sie ist. Der Autor Lewis Carroll will die Lesenden dazu bewegen, diese Frage nicht nur selbst zu stellen, sondern auch mithilfe des eigenen Verstandes zu beantworten. Die scheinbare Unlogik ist präzise die Denkaufgabe, der man sich durch die Lektüre aussetzt.

Aber es wäre nicht KI, würde KI nicht versuchen, dem lesenden Menschen zu gefallen und eine Antwort zu liefern.

The system responded with a confident, multi-paragraph explanation about dream logic, absurdity, and how Wonderland is meant to operate outside normal cause-and-effect rules. It stitched together examples, explained the theme, and told me how to understand what I was reading. […] Instead of helping you look something up, the system is giving you its version of what that thing means. It decides what matters, what doesn’t, what’s central, and what can be glossed over. Those judgments usually come from the reader, or from the way the author built the story.

Kevin J. Duncan

Die Antwort hätte nicht kommen dürfen. Sie hat das Telos des Werkes zerstört, noch bevor es aufgekommen ist. Sie hat Romeo und Julia auf „Zwei lieben sich, beide sterben“ reduziert. Sie hat den Leser um die Erfahrung gebracht, für die das Buch geschrieben wurde. 2010 war es die bis zur Verblödung reichende Vereinfachung der Geschichte auf animierbare Sequenzen in einem iPad, heute sind wir mehrere Ebenen weiter und schalten das Denken gleich ganz aus.

Es ist Sinn und Zweck von Büchern, Menschen zum Denken anzuregen. Das Denken beginnt, wenn sie sich selbst Fragen zu einem Buch stellen und diese mithilfe des Buches zu beantworten versuchen. Das tun sie, indem sie der Fiktion des Buches mit realen Vorstellungen über das Funktionieren der Welt begegnen und geistige Werkzeuge nutzen, die sie in der realen Welt über die Lebensjahre hinweg erschaffen haben. Eine Frage in einer fiktiven Welt mit den Vorstellungen und Mitteln der realen zu beantworten – das ist die geistige Leistung, die intellektuelle Herausforderung und die sprudelnde Quelle der Freude einer oftmals anstrengenden Praxis, der wir Menschen, so wir sie für uns entdeckt haben, gerne nachgehen; das ist Lesen2.

Wer eine Passage nicht verstanden hat, soll sie so lange studieren, bis er sie versteht. Auch Alice musste erst herausfinden, wie sie sich durchs Wunderland denken muss (und wir, warum die Geschichte nur scheinbar der Logik entbehrt). Macht es aber einmal Klick und der Knoten im Kopf ist gelöst, wird dieser Knoten nie wieder unlösbar sein. Dieses universelle Gesetz menschlichen Lebens hat Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle für die Ewigkeit abgebildet: Unser Wunsch zu verstehen hat nicht nur dazu geführt, dass wir die Antwort auf eine Frage gefunden haben, er hat uns zu dem der Lösung zugrunde liegenden Prinzip geführt. Dieses Prinzip können wir nun auf andere Probleme übertragen, es abstrahieren und im realen Leben anwenden.

Diese Fähigkeit, diese einzigartige Fähigkeit, die uns antreibt, jedes Problem mithilfe unseres Verstandes lösen zu wollen, ist das Wunder namens Denken. Wir müssen den Verstand nur nutzen, den Finger nur ausstrecken, damit der göttliche Funke auf uns übergeht. Und nicht, um den Lese-Assistenten unseres Kindle zu starten. Denn: Setzt man ihn für die Beantwortung von Fragen ein, kommt es gar nicht erst zu diesem Moment.

Die Kindle-KI liefert die fertige Antwort, nicht das Prinzip, um die Frage selbst beantworten zu können. Sie nimmt nicht die Rolle eines Lehrers ein, der sanft beim Lösen des Knotens hilft, indem er dem Schüler Hinweise gibt, sondern die eines Ghostwriters, der die Hausübung erledigt. Wer so liest, verlernt das Problemlösen selbst. Der „Lese-Assistent“, wie Amazon ihn nennt, assistiert uns schon, doch folgt er dabei einem äußerst ökonomischen Zugang. Er folgt den Regeln von Effizienz und Optimierung, nicht denen eines Lebens, das durch eigenes Denken voller, plastischer und besser wird.

Was da passiert, ist sogar noch weniger wert als das Trainieren mit dem Auto: Dort gab es noch ein paar wirre Ideen, die zu einem Gedanken gefasst werden mussten, hier kommt es gar nicht erst dazu. Hier wird das Denken abgeschaltet, bevor der erste Funke überspringen kann. Wir strecken den Finger zwar aus, tippen aber auf „Frag das Buch“. Anstatt den göttlichen Funken zu empfangen, aktivieren wir die Amazon-Funktion.

  1. KI-Unternehmen ziehen systematisch eine Ebene zwischen Mensch und Inhalt ein. Sie wollen, ja sie müssen nicht mehr nur zur Infrastruktur des Internets werden, sondern sie wollen darüber hinaus gehen und sich als Infrastruktur fürs Denken etablieren. ↩︎
  2. An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Nicht jedes Buch verlangt die Anstrengung des Denkens. Nicht alles ist „Lesen“, auch wenn es formal danach aussieht. Es gibt Ansammlungen unerträglich zu lesenden Wortmaterials in Form von Steuergesetzen, Fachtexten und Bedienungsanleitungen. Solche Texte sind bestenfalls unter ökonomischen Aspekten wertvoll, nicht aber, um uns als Menschen weiter zu bringen. Hier kann, ja soll KI helfen, um Informationen und Details schnell zugänglich zu machen. „Alice im Wunderland“ ist aber eben keine Gebrauchsliteratur. Lewis Carolls Werk ist Weltkultur, von intelligenten Menschen als solche erkannt, weil sie darin einen wertvollen Beitrag für die geistige Entwicklung der Menschheit gesehen haben. ↩︎

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