Ein weiterer perfekter, leerer Tag. Banger!

AI Slop vom Feinsten, aber das Szenario dahinter ist die Hölle: Wir warten auf etwas, das nie eintreten wird, und merken nicht, wie wir dabei zugrunde gehen. Sisyphos ist eine Erlösung, ich sag’s euch!

No One Needs Us Anymore

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Peter Steinberger hat das Video gepostet, ich hab es mir angesehen. Der Song ist durchnormierter AI Slop vom Feinsten, allerdings mit einer Schlagseite, die bedrohlich ist. Wer aber die Lyrics an sich ranlässt, dem läuft es kalt über den Rücken, denn sie entheben alles, was wir als wertvoll erachtet haben, seines Werts. Bildung lohnt sich nicht mehr, Wissen zu schaffen ergibt keinen Sinn. Das ist alles verlorene Zeit, heißt es da ganz polemisch, denn Künstliche Intelligenz ist schneller, effizienter und besser.

I gave my twenties to one proof
A whiteboard and a leaking roof
Seven years up in an attic
Now it’s three hours, automatic
It came out on a Tuesday night
A list of answers, black and white
And mine was number one-oh-two
Solved and posted before I knew

Degenerative Pixels

Abgesehen von all den sich aus solchem Denken ergebenden Problemen und abgesehen von der gewaltigen Machthierarchie, die entsteht, wenn wir solche Gedanken zu realen Überlegungen für unser Leben machen, stellt sich mir die Frage: Was bleibt uns, den Menschen, die wir Freude am Erforschen, am Tüfteln, am Wissen-Schaffen empfinden? Was sollen wir tun, wenn die KI alles besser, billiger und einfacher macht? Der Slop-Song beschreibt die Hölle: All das Sinn- und Lustvolle, das eine menschliche Existenz erfüllen kann, wird zur sinnlos verschwendeten Zeit erklärt. Und das menschliche Leben auf ein Dahinvegetieren ohne Zweck degradiert. Schlimmer noch, die Freude, die wir beim Erkennen, Herausfinden, Erforschen und Lernen empfinden, wird milde belächelt. So wie wir den Stolz eines Hundes belächeln, wenn er einen Ast aus dem Wald holt. Der Slop-Song lässt uns dastehen; ohne Stolz, ohne Würde, ohne das Gefühl, für irgendetwas noch gut zu sein.

The checks arrive. The work is gone.
We eat the bread, the circus on.
I scroll until the screen goes gray
Another perfect, empty day

[…]

I bake the bread nobody needs
I tend the garden, pull the weeds
A robot’s loaf is better made
I eat my burnt one in the shade

[…]

I keep a notebook by the bed
Of problems long since solved and dead
I work them out by hand at night
And check the back. The bot was right.

Degenerative Pixels

Wer schon einmal in einem Altersheim war, wird vielleicht beobachtet haben, was da passiert. Menschen warten. Und damit das Warten nicht zur Beschäftigung wird, werden sie beschäftigt. Sudoku, Spaziergänge, Singen, Kartenspielen… Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Tätigkeiten nicht fürs Erinnerungsvermögen, das logische Denken, die körperliche Ertüchtigung oder die Gemeinschaft sind, sondern einen anderen Zweck verfolgen: Sie sollen vom Warten ablenken. Das Warten auf – und mir ist bewusst, dass das brutal klingt, aber ich bekomme in dieser Umgebung den Gedanken einfach nicht aus meinem Kopf – ein Ende. Welches Ende das sein wird, ist ungewiss.

Sie sitzen in Gemeinschaftsräumen und warten. Warten aufs Frühstück. Warten aufs Mittagessen. Warten auf die Jause, den Kaffee, den Kuchen. Warten aufs Abendessen. Warten aufs Fernsehen. Und warten aufs Sudoku. Warten aufs Gewaschen-werden. Warten auf die Medikamente.

Dass wir vom Warten sprechen, beinhaltet ja noch die Hoffnung darauf, dass etwas passiert. Das Wort „Warten“ für diese Zustände vor den Mahlzeiten und dem Sudoku zu verwenden, ist ja auch nur ein verbaler Schutzmechanismus, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass das Warten hier keinen vorübergehenden Prozess bezeichnet, sondern das Wesensmerkmal des Aufenthalts in so einem Heim per se. Denn „warten“ kann ich auf den Installateur, der meinen Wasseranschluss repariert, damit ich mich danach wieder anderen Dingen, anderen Zielen widmen kann. Doch solche anderen Dinge gibt es für die allermeisten dort nicht mehr. Andere Ziele schon gar nicht. Sie warten also. Auf etwas, von dem sie weder wissen, was es ist, noch, ob es je eintreten wird.

Man ist ehrlicherweise froh, wenn man wieder gehen kann, der Gestank des Heims langsam von einem abfällt und die schrecklichen Gedanken aufhören. Das mulmige Gefühl, wenn man sich verabschiedet hat, jedoch bleibt. Wen auch immer man im Heim besucht hat, bleibt da. Und legt auf die Liste der zu erwartenden Dinge noch den nächsten Besuch. Pflegebedürftig, alt, gebrechlich. Und trotzdem hofft man auf morgen, denn morgen passiert etwas. Irgendwas. Ganz bestimmt.

Der Slop-Song handelt jedoch nicht von Alten im Altersheim. Das ist euch, liebe Leserin und lieber Leser, doch wohl klar, oder? Vom Altersheim können wir uns vielleicht noch distanzieren, vom Endergebnis nicht. Doch der Song vernichtet unsere Distanz davon. Hier geht es nicht um die Alten im Heim, es geht um uns. Um dich. Um mich. Um unser aller Alltag, aus der Sicht derer, die solche Songs prompten.

Wir alle sitzen bereits im Gemeinschaftsraum, auch wenn uns das nicht bewusst ist oder wir das nicht wahrhaben wollen. Unser Sudoku heißt Feed, unser Fernsehen heißt Timeline, die Jause heißt Kaffeepause, und die besonders Glücklichen unter uns bekommen das Tagesprogramm durch Push-Benachrichtigungen versüßt. Bei uns ist es lauter als im Altersheim. Wo dort der Chor der Volksschule zu Weihnachten singt, erleben wir unsere Erlösung vom Warten durch einen Tweet von Trump oder dem Posting eines Kollegen auf Instagram. Dort weiß man wenigstens, woran man ist. Wir hingegen scrollen durch Feeds ohne Boden und jagen einem Zustand hinterher, den diverse Algorithmen per Konstruktion verhindern: fertig zu sein.

Wir informieren uns stündlich über eine Welt, die unsere Information nicht braucht, und warten auf die eine Nachricht, die das Ganze endlich verständlich macht. Wir spielen Spiele, die nicht enden wollen, bezahlen für Gaming-Pässe, die uns zum Spielen verpflichten, und erledigen tägliche Quests, die nur existieren, damit wir morgen wiederkommen. Métro, boulot, dodo, sagen die Franzosen und meinen einen geschlossenen Kreislauf aus lästigem Alltag, der dazu beiträgt, das nichts übrig bleibt als die Erwartung dieser Wiederholung selbst. Kennen wir das nicht auch? Ist das, was wir tagtäglich erleben, nicht sogar invasiver, weil es uns aus dem Inneren heraus zersetzt?

Wir produzieren Content, damit Content konsumiert wird, damit wiederum Content produziert wird, der wiederum konsumiert wird, und nennen das eine Strategie, solange die Reichweite stimmt; doch jeden Morgen beginnt die wieder bei null. Wir schauen Serien zu Ende, die uns seit der zweiten Staffel langweilen; weil wir sie angefangen haben. Unsere Watchlist wächst schneller als die freie Zeit unseres restlichen Lebens; wir befüllen sie, wir müssen. Wir optimieren Workflows für Arbeit, die niemand braucht. Wir jagen Inbox Zero wie eine Erlösung, die jeden Morgen aufs Neue verweigert wird. Und wir vergleichen drei Wochen lang Preise, um acht Euro zu sparen. Wir schließen Ringe für Maschinen und lassen uns von Armbändern gratulieren. Wir sind schon so kaputt, dass wir darüber sogar Freude empfinden.

Doch wir kommen nie ans Ziel. Nicht, weil wir zu langsam wären, zu schlecht oder weil wir zu wenig leisten würden. Nein, wir kommen nie ans Ziel, weil wir nicht wissen, was es ist. Wir wissen nur, dass wir noch nicht fertig, noch nicht dort sind. Wie man sich dort des Gedankens verwehrt, das Warten selbst sei das Ziel, verwehren wir uns des Gedankens, dass dieser ewige Zustand des Unfertigen und permanent Unvollendeten das eigentliche Ziel ist, dem wir hinterherjagen. Aktives Nichtstun ist einfach so schwer vorstellbar. Serien Bingen, krampfhaftes Reisen oder die Pflege eines Lebensstils, der davon geprägt ist, Verzweiflung und Unzufriedenheit mit Hedonismus zu tarnen – kein unbekanntes Motiv der schönen Künste -, sind nur Auswüchse dessen, was ich meine.

Was wir tun, womit wir uns beschäftigen, worauf wir hoffen, was wir wollen – das ist, dem Slop-Song folgend – alles Beschäftigung ohne Nutzen, eine Illusion von Agency; eigentlich überholt, noch bevor wir den Gedanken zulassen oder eine Handlung setzen. KI war schon da, KI hat es schon gemacht. Das einzige, was wir tun können, ist, unsere Körperlichkeit und die Möglichkeit physischer Erfahrungen zu nutzen. Vielleicht sind gerade deshalb Fitnessstudios, Pilates, Yoga, Diäten, die an Ernährungsideologien grenzen, und andere, den Körper in den Fokus setzende Tätigkeiten so dermaßen populär?

Der Slop-Song überlässt uns die Körperlichkeit, so wie wir der Legehenne die ihre überlassen. KI ist der kafkaeske Türhüter zu dem, was wir Leben – geistiges Leben – nennen, und er wird – subtil, aber mit gewaltiger Strenge – dafür sorgen, dass wir, die einzigen mit dem besonderen Glück, ex natura Anspruch darauf zu haben, niemals Einlass erhalten. Das ist besonders bitter, denn war doch dieser Eingang ins Leben nur für uns bestimmt. Dieses Tor ist meines. Das dort drüben ist deines. Niemand außer uns selbst darf in unserem Tor Einlass erhalten.

Die Zeit vergeht, es passiert so viel Nichtiges. Und am Ende der Zeit folgt die unerbittliche Erkenntnis, die wir zeitlebens (was für Wort!) zu Tode geschwiegen haben: Wir sind vor dem Tor alt geworden, wir haben das Leben nie betreten. Und nun schließt die KI das Tor auch noch. Das Leben war unseres, nein: wäre unseres gewesen. Der Eingang war unserer – doch wir sind davor gesessen, haben gescrollt und gewartet, bis der Bildschirm grau wurde.

Das ist es, was die KI-generierten Lyrics des KI-generierten Songs uns vor Augen führen. Zusätzlich zum KI-generierten Video. „Banger“, meint Peter Steinberger dazu in seinem Tweet. Und Recht hat er. Ein Song über das Ende menschlicher Notwendigkeit ist Banger: Er beweist mit seiner eigenen Existenz, was er behauptet.

There’s nothing left to prove
And nowhere left to move
Imagine Sisyphus is glad
The rock’s the only thing I had
So tell me what a life is for
When no one needs us anymore

Degenerative Pixels

Und wir hören zu, nicken anerkennend, teilen den Link, schreiben ganze Blogbeiträge dazu und scrollen weiter. Ein weiterer perfekter, leerer Tag. Aber morgen passiert etwas. Ganz bestimmt.

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