Surfen auf der Welle der selbstgewählten Inkompetenz

Andreas Bullings Studierende nutzen ChatGPT falsch, meine auch. Das Problem ist aber nicht KI, sondern die selbstgewählte Inkompetenz: Die Studierenden erkaufen sich gegenwärtige Leistungsfähigkeit mit zukünftig fehlender Eigenkompetenz.

Andreas Bulling, Professor für Mensch-Computer-Interaktion und Kognitive Systeme an der Universität Stuttgart, hat über die Nutzung von KI durch seine Studierenden und die daraus resultierenden Folgen geschrieben. Er warnt auf Mastodon vor einem Punkt, der „in der Berichterstattung und Diskussion […] zu wenig Beachtung findet“: Wir müssen uns darauf einstellen, von einer Welle der Inkompetenz überrollt zu werden. Sie wird durch jene Studierenden ausgelöst, die sich so sehr auf Künstliche Intelligenz verlassen, dass sie ohne sie nicht mehr können und nicht genügend eigenes Verständnis entwickeln, um die Antworten der KI beurteilen zu können.

Bei uns an der Uni sind vorlesungsbegleitende Übungen, Fachpraktika und Seminare effektiv tot. Ob Programmieraufgaben, Übungsblätter oder Textarbeit – der Anteil an KI-generierten Abgaben liegt (geschätzt, denn genau sagen kann man das nie) zwischen 90% und 100%. Studis lassen ganze Bachelor- und Master-Arbeiten von KI erstellen. Code und Ausarbeitung sowieso […] Wir hatten den ersten Studi, der im persönlichen Betreuungsgespräch (keine Prüfung!) nicht mal mehr selbst geantwortet hat. Der hatte währenddessen ChatGPT offen und hat unsere Fragen einfach weitergereicht und uns die Antworten vorgelesen. Ohne Scham. Stellt man diesen Studis nur eine Nachfrage, z.B. zu ihrem Code – keine Antwort/Ahnung.

Andreas Bulling

Das Problem daran ist nicht die Nutzung von KI an sich. Das Problem entsteht, wenn KI beim Aneignen von Wissen nicht mehr nur hilft, sondern diese Aneignung ersetzt. Und bei den Studierenden gleichzeitig auch noch der Eindruck entsteht, sie hätten etwas geleistet, obwohl sie nicht viel mehr getan haben, als Ein- und Ausgabemedium – quasi ein Meat Proxy – zu sein. Wer sich aber zum menschlichen Interface für die eigentliche Intelligenz macht, begibt sich in eine Art kognitive Schuld (ähnlich „technical debt“) mit verheerendem Zinssatz und andauernder Abhängigkeit. Das Bewusstsein darüber, dass das zum Problem werden kann, scheint zu fehlen.

Ich selbst bin gelegentlich lehrend tätig und sehe, was der Professor beschreibt, auch in deutlich kleinerem Rahmen. Gerade erst sind einige Lehrgänge zu Ende gegangen und die Ergebnisse von Abschlussarbeiten, Tests, Präsentationen und Prüfungen bestätigen seine düstere These. Ich kann sie sogar noch um einen fachlichen und einen ökonomischen Aspekt ergänzen.

  1. Bei erschreckend vielen zählt, unabhängig von dem, was im Unterricht vorgetragen und diskutiert wird, was ChatGPT sagt. Nicht etwa, weil sie sich kritisch mit den Unterrichtsmaterialen auseinandergesetzt haben und auf Fehler oder Inkonsistenzen gestoßen sind, weil sie in Übungen eigene Erkenntnisse gewonnen haben oder in der Diskussion zusätzliches Wissen mit einfließen lassen wollen. Nein. Sondern schlichtweg, weil KI es zum Thema macht. Die lediglich auf Basis von Keywords, nicht aber von Konzepten und Zugängen geleiteten Prompts der Studierenden führen dazu, dass sie „lernen“, was die maschinelle Gewichtung des Sprachmodells vorgibt, nicht aber den spezifischen Zugang der im Curriculum kodierten Werteentscheidung.
  2. Auch unter dem ökonomischen Blickwinkel auf die Ausbildung ist die ganze Sache für mich ein Paradoxon. Warum bewerben sich Menschen für eine relativ teure Ausbildung, machen den Aufnahmeprozess durch, bezahlen die Ausbildung und investieren nicht unerheblich viel Zeit1, nur um dann am Ende den Leistungsnachweis mit ChatGPT abzuliefern? Wenn ich von den Eltern oder meinem schlechten Gewissen in eine Ausbildung gedrängt werde, dann kann ich den Vorzug des Sammelns von Abschlusszeugnissen gegenüber dem Erwerb von Wissen ja noch irgendwie verstehen. Wenn ich aber selbst dafür bezahle, nur um dann „nachzuweisen“, dass ChatGPT mein Fach versteht, worin liegt dann der Wert meines Investments?

Die Fähigkeit, die Studierende im Rahmen ihres Studiums erlangen sollten, besteht darin, aus Informationen und fremdem Denken eigenes entstehen zu lassen. Wenn ChatGPT das übernimmt, erlangen sie diese Fähigkeit nicht. Sie investieren Zeit und Geld – wenn es aber nur ums Zeugnis geht, dann hätten sie das auch weitaus billiger bekommen können.

Wir bilden […] gerade eine Generation von Studis aus […], die keine Kompetenz hat und nichts genuin kann, d.h. keine auf Wissen und Verständnis basierte Expertise, außer eine KI zu bedienen.

Die ersten dieser Studis gehen jetzt in den Arbeitsmarkt. Der oben genannte mit ChatGPT ist anscheinend bei der Deutschen Bank untergekommen. Die Leute arbeiten dort vermutlich genau so weiter, werden irgendwann auch Chef:in. Erwarten von ihren Mitarbeitenden dann auch nichts anderes. Das ist eine Katastrophe.

Andreas Bulling

Wenn Ausbildung in Jobangeboten gar nicht mehr angefragt wird, dann gilt das denjenigen, die ihre eigene geistige Leistung zur Gänze an KI delegieren, wohl als bester Beweis nicht nur für die Wertlosigkeit traditioneller Bildung, sondern mittlerweile offenbar auch für die Wertlosigkeit spezialisierter Ausbildung. Was folgt daraus? Eine ganze Gruppe von Menschen hat tatsächlich keine Ahnung davon, was sie eigentlich tut. Mir ist bewusst, dass das eine pauschalisierende Zuspitzung ist und dass ich viele Studierende, die legitime Gründe haben können, warum sie so handeln, in einen Topf werfe2. Sie mögen mir verzeihen. Aber wenn ich mir die Prüfungs- und Testergebnisse der Lehrgänge des vergangenen Semesters ansehe und sie mit der Zeit vor der breiten Nutzung von KI vergleiche (nahezu idente Fragestellungen, nahezu idente Unterrichtsmaterialien, also vergleichbar), verliert diese Zuspitzung in schwindelerregendem Tempo ihren polemischen Charakter. Wenn gute Noten als Indikator fürs Verstehen von Gelehrtem gelten, wandelt sie sich gar zum Indiz: Die letztsemestrige Notenverteilung entsprach definitiv nicht der in den Fächern üblichen Glockenkurve, sondern einer ansteigenden Rampe.

…in die Abhängigkeit. OpenAI, Anthropic und Google freuen sich, denn für den Studierenden bei der Bank (er muss nun als Vertreter einer ganzen Gruppe herhalten), ist KI ab jetzt kein nice-to-have mehr, sondern ein unabdingbarer, fürs berufliche Überleben notwendiger Faktor mit existentieller Wirkung: KI ist nicht nur Infrastruktur zur Ausführung des Berufs im Sinne eines Werkzeugs geworden, sondern hat eine weitaus größere, nämlich eine lebenserhaltende Rolle in seiner beruflichen Existenz bekommen. Das Controlling, womöglich selbst bereits powered by ChatGPT, weiß das natürlich und auch, dass der Arbeitsplatz, den der ChatGPT-Studierende nun hält, ein Überbleibsel der unterschiedlichen Schrittgeschwindigkeiten von Technologie und betrieblicher Organisation ist. Die Stelle wird früher oder später der Optimierungslogik folgen und entweder drastisch modifiziert oder gleich zugunsten von Software aufgelöst.

Wird diese Entwicklung alle treffen? Sind alle von zukünftiger Bedeutungslosigkeit betroffen, die sich ausschließlich mithilfe von KI in Positionen gestemmt haben, die sie ohne Zutun von OpenAI, Anthropic oder Google nicht erreicht hätten? Fast alle, meint Andreas Bulling.

Nur […] eine Gruppe von Leuten [trifft es] nicht. Nämlich die, die jetzt diesem Trend entgegengehen und es schaffen, sich wirklich selbst Dinge zu erarbeiten, zu verstehen und zu durchdenken, und auf dieser Basis auch Neues zu erschaffen. […] Diese Leute werden in nicht allzu ferner Zukunft hart umworben werden, sich jeden Job aussuchen können und sehr gut bezahlt werden. Alle anderen, befürchte ich, werden mit ihren [sic!] selbstgewählten Inkompetenz in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn KI keine „ausgeklügelten“ Prompts mehr braucht.

Andreas Bulling

Wann genau dieser Moment kommt, diese Kurskorrektur, weiß niemand. Was andere als schwebende Bedrohung sehen, sieht der mit dem trainierten Sensorium als Chance. Er versteht, was das ChatGPT-Abonnement liefern kann, vor allem aber auch, was nicht. Und er weiß, dass er sich KI zunutze machen muss, indem er im Chat die treibende Kraft bleibt und nicht die folgende. Ohne die gewaltige Verarbeitungsleistung von Künstlicher Intelligenz wird es nicht gehen. Alles andere3 ist inzwischen eine Illusion.

Ab jetzt gibt es nur noch den gelernten Umgang mit der Technologie oder die Flucht nach vorne. Entscheidend ist letztlich, wer uns den Weg zeigt: Sind es TikTok und Instagram, OpenAI und Anthropic? Oder ist es ein über Jahrhunderte gewachsenes System menschlicher Wissensweitergabe, das sich bereits in unzähligen technologischen Umbrüchen bewährt hat? Meine Antwort darauf ist klar: Weder macht ein KI-Abonnement jemanden klüger, noch steigert es seine Urteilskraft. Es macht Inkompetenz lediglich schwerer erkennbar, weil es sie besser kaschiert. Und genau deshalb ermöglicht nicht KI an sich den langfristigen Erfolg, sondern der Mensch, der gelernt hat, selbst zu denken und sich die Technologie zunutze zu machen. Das Studium gibt genau dafür den Raum.

Also nehmt eure Ausbildung ernst. Nutzt KI, wenn sie euch hilft. Vertraut nur nicht darauf, dass ein ChatGPT-Abonnement die Prinzipien von ein paar tausend Jahren Menschheits- und Bildungsgeschichte außer Kraft setzt. Lernen bleibt Zumutung, Übung und Geduld. Es bleibt Arbeit am eigenen Körper und am eigenen Geist. Ist es das nicht, dann ist es kein Lernen. Wer diese Arbeit umgeht, gewinnt vielleicht Zeit, verliert aber genau das, wofür Ausbildung einmal gedacht war: die Fähigkeit, ohne Krücke zu stehen, selbst zu denken und sich Technologie klug zunutze zu machen. Und wer etwas anderes erzählt, will euch etwas verkaufen. Follow the money.

  1. Die bei einzelnen aber auch daraus besteht, auf Instagram zu scrollen, weil sie den Inhalt nicht sofort verstehen. Das wäre eine eigene Anekdote hier, aber zusammengefasst ging es darum, dass eine Studierende meinte, wenn sie den Inhalt nicht „sofort beim ersten Mal“ verstehen würde, sie ihn „ohnehin nie“ verstehen würde, also könne sie gleich die Zeit – festhalten! – „sinnvoll“ auf Insta nutzen. ↩︎
  2. In den gleichen Topf werfe ich übrigens auch die Lehre selbst. Setzt die lehrende Institution Fehlanreize oder reagieren die Leiterinnen und Leiter der Lehrveranstaltungen nicht auf die durch Künstliche Intelligenz veränderte Realität, dann ist das genauso ein Problem, wenn nicht sogar ein noch größeres. Die Kritik soll sich also ausdrücklich (und eigentlich noch viel schärfer) gegen diese Seite richten, denn im Gegensatz zu den Studierenden ist es der Job jener, die Kurse, Seminare und Lehreinheiten entwickeln, sich um diese Dinge zu kümmern. Und es ist ihr Job, solchen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, statt sie durch ungeeignete Lehr- und Prüfungsformen auch noch zu begünstigen. Sie ist aber nicht Thema dieses Artikels, darum habe ich sie in die Fußnote ausgelagert. ↩︎
  3. Der einzige Hoffnungsschimmer für diejenigen, die von der Kurskorrektur betroffen sein werden, liegt in meinen Augen wenn überhaupt, dann in einer Art institutionellen Verschiebung des Begriffes Arbeit. Sie würde das Faktum menschlicher Interfaces anerkennen und ihre Routinen und Abläufe daraufhin optimieren. ↩︎

6 Kommentare

  1. Interessant … und macht ein wenig Nachdenklich … vor allem das auch ich benutze KI sehr gerne meine Texte ein wenig Anzudeutschen ( vor allem auf eigenen Blog) Kommentare Schrteibe ich noch Selbst und versuche das so gut wie möglich machen :-)
    Aber Ich verstehe unsere… Problem der Geselschaft. Wenn jeder wird nur dank ChatGPT auf seine Position kommen was passiert mit dennen die es das nicht Nutzen … die durch eigene Fleis und Lernzeit haben ihre wissen sich erlernt… Was wird mit den Menschen die am Ende obwohl Klug sein werden , werden die keine Chance haben sich zu beweissen … weil die KI Inginiere schon nlängst da werden. Was wird mit den Menschen die am Ende verlieren werden weil die KI wird einfach schneller sein . Das ist wie im Sport (Vor allem Rad Sport) Man kan die Tour de France befahren und teil zu nehmen … aber Gewinnen wird der der gedopt hat… so oder so.
    Ich glaube … aber das ist meine Private Meinung, wir mussen Lernen die KI Richtig zu nutzen, um nicht auf der Streceke zu bleiben … und die Prüfungen auf der Universitäten auf Mundlich umstellen … sonnst wie Du schon in den Beitrag geschrieben hast… werden wir NUR voll Idioten haben die vielleicht KI nutzen können aber von dem wissen keine Ahnung haben
    Tolle Beitrag!
    VG czoczo

    1. Danke dir! Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig: KI zu benutzen ist für mich überhaupt nicht das Problem. Ich benutze sie selbst täglich. Problematisch wird es erst, wenn ich etwas von ihr erledigen lasse, das ich eigentlich gerade lernen sollte. Und richtig schlimm, wenn ich am Ende nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem, was die KI kann, und dem, was ich selbst kann.

      Deinen Vergleich mit dem Doping finde ich interessant. Ganz passt er für mich aber nicht, weil KI im Gegensatz zum Doping nicht verschwinden wird, sondern, ganz im Gegensatz: forciert wird. Die Herausforderung besteht deshalb darin, beides zusammenzubringen: selbst etwas zu können und gleichzeitig die Möglichkeiten der KI zu nutzen.

      Und ja, bei Prüfungen werden wir uns etwas einfallen lassen müssen. Ob alles mündlich werden muss, weiß ich nicht. Das wird bei den großen Mengen an Studierenden wahrscheinlich ein Problem werden, obwohl einige Länder das ja bereits durchsetzen. Aber Prüfungen müssen wieder zuverlässig zeigen können, was ein Mensch verstanden hat und selbst kann. Sonst messen wir irgendwann tatsächlich nur noch, wer Zugang zum besseren KI-System hatte.

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar und liebe Grüße!

  2. Wow, was für ein interessanter, wenngleich auch deprimierender, Bericht aus der Lehre!

    Was mich interessiert: Was sagen die Studierenden, wenn man dieses Thema mit ihnen diskutiert? Erkennen sie nicht, dass es in jedwedem Feld eine Grundkompetenz braucht, um eine KI sinnvoll einsetzen zu können: Das Ziel korrekt formulieren, die Wege und Ergebnisse der KI beurteilen, sie kritisch hinterfragen und in die richtige Richtung leiten können?

    Und: Ich dachte ja, in der Lehre würden die Anforderungen und Prüfungsmodalitäten der Situation angepasst – also z.B. vor allem mündliche Prüfungen ohne KI-Stütze. Gibt es das nicht? Vermutlich bräuchte es dazu mehr Prüfer/innen und niemand kann sich vorstellen, woher die kommen und finanziert werden könnten?

    Nun aber im großen Rahmen: Schon lange vor KI hab ich Statements von Ökonomen gelesen, die meinten, man könne „den Laden auch mit 30% der Arbeitenden am laufen halten“. Diese „Utopie“ scheint ja nun in absehbarer Zeit in vielen Berufen einzutreten – was folgt daraus? Naheligend: Es werden diejenigen zu den 30% gehören, die sich für ihr Metier wirklich interessieren, nicht jene, die nur Scheine / Abschlüsse sammeln und den Job nur als Mittel zum Zweck sehen („muss ja…“).

    Und der große Rest? Viele GenZler wollen Influencer / Youtuber werden, in den USA wird dafür sogar schon ein teures (!) Studium angeboten.
    https://mein-mmo.de/gen-z-studium-influencer/
    Und wir sehen: Youtube wird zunehmend überschwemmt von seichten Inhalten, die per KI gesammelte Infos mit „aufregenden“, fantasievollen Spekulationen vermischen, bar jeder Verankerung in der Forschungsrealität (z.B. Archäologie: Götter, Außerirdische, untergegangene techn. Zivilisationen etc.). Auch deprimierend!

    Andrerseits gibt es auch Lichtblicke, bzw. differenzierende Erhebungen auf Basis realer Arbeitsverhältnisse, die die Gen Z in 10 „Persona-Profile“ unterteilt:

    „Die drei größten Cluster — Entdecker, Leistungsträger, disziplinierte Idealisten — machen zusammen rund 74% der Generation Z aus. Das Bild der pauschal „ambitionslosen Generation“ ist damit nicht haltbar.“

    https://www.lumifai.com/article.html?slug=gen-z-am-pruefstand-zehn-personae

    Nicht für die Schule (+ Ausbildung, Studium) lernen, sondern für das Leben – das muss vielleicht endlich einmal wahr werden!

    1. Liebe Claudia, danke für deinen Kommentar – und gleich zu deinen Fragen:

      Was sagen die Studierenden, wenn man dieses Thema mit ihnen diskutiert? Erstaunlich wenig. Einige wurden von der LV-Leitung explizit auf die Probleme mit ihren Arbeiten angesprochen; eine wirkliche Auseinandersetzung damit kam dabei de facto nicht zustande. Ich kann aber nicht sagen, warum.

      Erkennen sie nicht, dass es in jedwedem Feld eine Grundkompetenz braucht, um eine KI sinnvoll einsetzen zu können? Zumindest bei denen, von denen ich im Artikel spreche, ist dieses Bewusstsein für mich nicht erkennbar. Besonders deutlich wird das bei der Abschlussarbeit. Sie ist die offenste und gleichzeitig als größte Hürde wahrgenommene Aufgabe. Und sehr bald schon kommt die Frage: „Warum soll ich mir das antun?“

      „Sehr bald“ bezeichnet übrigens einen nicht uninteressanten Moment: nämlich genau den, an dem sie feststellen, dass so eine Arbeit geplant werden muss, dass man sie nicht an einem Nachmittag aus dem Ärmel schüttelt, ohne Recherche, Konzeption usw. geleistet zu haben. Zu aufwändig, also nicht machen. So wirkt das auf mich. (Und von Gruppenarbeiten und der Organisation dahinter brauchen wir gar nicht zu sprechen.)

      Doch genau darin steckt für mich der fatale Verdrehungspunkt: Du sollst dir natürlich nicht jede beliebige Erschwernis „antun“. Aber eine Aufgabe selbstständig durchdenken, strukturieren, bearbeiten und gegen Kritik verteidigen zu können, ist keine lästige Hürde auf dem Weg zur Ausbildung, sondern ein Teil davon. Ein Teil dessen, wofür du diese Ausbildung überhaupt machst. Wenn ich genau diesen Teil auslagere, spare ich zwar Arbeit, aber eben an meinem eigenen Lernertrag.

      Werden die Prüfungsmodalitäten angepasst? Ja. Ab dem nächsten Durchgang wird das bei uns passieren; die Änderungen wurden bereits in den Curricula bzw. LV-Hinweisen angekündigt. Es gibt eine interessante Entwicklung, wobei ich nicht glaube, dass sie 1:1 damit zusammenhängt. Üblicherweise gibt es im August bereits Anmeldungen im zweistelligen Bereich für die LVs. Aktuell ist es eine einzige.

      Zu deinen anderen Punkten und insbesondere den Gen-Z-Daten: Danke für die Links! Gerade die Differenzierung in unterschiedliche Gruppen finde ich wichtig (und sie lässt mich hoffen). Mein Text ist bewusst zugespitzt und handelt von jener Gruppe, die Andreas Bulling beschreibt. Das sind definitiv nicht alle.

      Und dein letzter Satz trifft natürlich den Kern – jedenfalls bei uns, die wir ihn verinnerlicht haben. Dahinter steckt für mich aber noch eine unangenehmere Frage: Was, wenn das Leben für manche gar nicht mehr genug herzugeben scheint, für das es sich zu lernen lohnen würde?

  3. Dass die Studierenden sich eher bedeckt halten, wenn sie „zur Rede gestellt“ werden, ist für mich noch nachvollziehbar (ich hab ja keine Ahnung, wie es an deiner Uni so zugeht zwischen Lehrenden und Lernenden). Gut vorstellen kann ich mir solche Nicht-Reaktionen auch für jene, die sowieso nur „irgendwas studieren“, weil sie sich vom „Abschluss“ noch bessere Chancen erwarten als ohne (man wird ja z.B. beim Jobcenter als „Akademiker“ durchaus noch besser behandelt). Also nicht etwas studieren, was sie wirklich interessiert. Denen ist eher nicht zu helfen, denn sie sind ja schon mitten drin. Vielleicht finden sie später noch einen Weg für sich.

    Gut, dass die Prüfungsmodalitäten geändert wurden = Fortschritt!

    „Was, wenn das Leben für manche gar nicht mehr genug herzugeben scheint, für das es sich zu lernen lohnen würde?“

    Ich habe den verlinkten Artikel gelesen – wow, dieses Blog finde ich immer großartiger! Ja, die Zukunft ist nicht mehr so „vorformatiert“, wie sie einst war, insbesondere werden die einstigen Versprechen nicht mehr eingelöst:

    „…wer davon ausgeht, niemals ein Haus, eine Wohnung und ein Auto sein Eigentum nennen zu können, wer einen Urlaub oder gar eine Familie nur als finanzielles, seinen Lebensstandard bedrohendes Risiko ansieht “ – ja, was bleibt dem? Eigentlich nur, ganz strikt dem individuellen Interesse nachgehen! Das braucht es sogar, um ein erfolgreicher Youtuber zu werden, der sich aus der Masse des KI-Slops und seichtester Infomercials heraushebt.

    Tun, was Freude macht und mich allem anderen verweigern, das war immerhin meine Lebensdevise, obwohl nie so konkret ausgesprochen. Wozu ein Haus, das doch fast lebenslänglich der Bank gehört und vor allem bindet? Ein Auto in der Stadt nervt nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen der Parkplatzsuche. Und Urlaub? Wenn ich dort, wo ich bin, gerne bin und mich da für etwas engagiere, das mir etwas bedeutet – ODER einer Arbeit nachgehe, die mir Befriedigung gibt – dann brauche ich nicht dauernd Urlaub! Man trifft an den interessantesten Orten der Welt sowieso nurmehr Touristenmassen… Stundenticket online zu buchen! :-)

    Immer habe ich mich gewundert, wie viele Leute ihre Arbeit als Fron empfinden, in der inneren Kündigung leben. Meine Studi-Jobs in Behörden, kleinen und mittleren Unternehmen brachten mich in Kontakt mit einer Berufswelt, der ich nicht mal hochbezahlt angehören hätte wollen.

    Nun, ich will hier nicht meinen Lebenslauf zum Besten geben, es waren andere Zeiten und ich „hätte können“, hätte ich gewollt. Das sieht heute anders aus – aber umso mehr ist das m.E. ein Grund, radikal bei eigenen Interessen anzusetzen, die es nätürlich erstmal herauszufinden gilt. Auch nicht ganz leicht in sehr jungen Jahren! Da wirkt das „arbeiten müssen“ noch rein als leidige Pflicht und Notwendigkeit, weil das Privatleben noch sehr spannend ist. Immerhin gab es dann früher die o.g. Verheißungen: Wenn du brav diesen oder jenen Weg gehst, bekommst du zumindest materiell und statusmäßig deinen Return on Invest. Vorbei!

    Wie du siehst, bin ich auch einigermaßen ratlos in Bezug auf das erfolgreiche Motivieren der (vermeintlich?) interesselosen jungen Menschen!

    1. Keine Sorge, die Studierenden wurden nicht zur Rede gestellt im Sinne von „an den Pranger“. Das Gespräch zur Nutzung von KI kam bereits während des Unterrichts auf, nicht erst danach, bei den Prüfungen. Nur diejenigen, die KI dann trotzdem dermaßen stümperhaft genutzt haben, als hätten wir nie darüber gesprochen, wurden damit konfrontiert. Aber, wie gesagt, die Modalitäten werden ohnehin geändert. Mal sehen, was passiert.

      Und nun zu dem anderen großen Abschnitt deines Kommentars, für den ich dir sehr danke. Vielleicht ist die Sache ja ein wenig anders gelagert: Wenn nur die alten Verheißungen verschwinden (Haus, Auto, Karriere, Status), dann könnte das sogar befreiend wirken, da bin ich bei dir. Aber was, wenn mit den Verheißungen auch der Glaube daran verschwindet, dass sich langfristige Anstrengung lohnt?

      Ein eigenes Interesse zu entdecken und daraus etwas zu machen, verlangt ja ebenfalls Geduld, Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, sich durch Dinge durchzuarbeiten, die nicht sofort Spaß machen. Genau diese Bereitschaft fehlt mir ein wenig. Zumindest sehe ich sie immer seltener oder kann sie gerade in Gesprächen mit sehr jungen Menschen (aber alt genug, solche Ideen und Interessen hervorzubringen) schlichtweg nicht erkennen. Sie haben schon Ideen, was sie tun wollen. Da sind aber kaum größere Vorhaben dabei, die über einen Aufwand von wenigen Stunden hinausgehen.

      Ich kann mich wirklich noch an Zeiten erinnern, in denen zB das Bauen eines Hauses oder die Renovierung einer Wohnung, eine Weltreise oder andere große Vorhaben in den Köpfen meiner Gesprächspartner vorhanden waren. Das waren realistisch erreichbare Ziele. Jetzt finde ich sie kaum noch. (Erben und Menschen aus wohlhabenden Familien ausgenommen. Doch auch da merke ich, dass viele ihr von den Eltern vorgegebenes Lebensglück eher „abarbeiten“ als genießen, weil sie offenbar nicht „fühlen“, was sie glauben fühlen zu müssen, sobald die nächste Hürde genommen ist.) Das muss nicht daran liegen, dass ihnen Ziele oder Ambitionen fehlen. Vielleicht fehlen zunehmend einfach Vorstellungen und Ideen, die unter ihren materiellen Bedingungen noch realistisch erscheinen. (Was auch immer das sein mag!) Wenn langfristige Ideen aber schon im Vorhinein als unmöglich etikettiert und deshalb gar nicht erst verfolgt werden, dann halte ich das für bedenklich. Denn dort, wo eigene Vorstellungen fehlen, können die Vorstellungen Anderer umso leichter ihren Platz einnehmen.

      Aber das ist schon Stoff für einen eigenen Beitrag. Einen Anschlusspunkt zum hiesigen Artikel gibt es trotzdem. Denn ausgerechnet da schließt sich für mich der Kreis zu ChatGPT: Wer jede solche „Zumutung“ sofort abkürzt, läuft Gefahr, nie herauszufinden, wofür er sie freiwillig auf sich genommen hätte. Die Idee stirbt quasi, noch bevor sie leben konnte.

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