Jesse Karmani fragt in “You vs. 1,000 Engineers”, warum wir Social Media nutzen, wenn die verschiedenen Plattformen nicht das tun, was wir wollen, sondern das, was sie wollen. Wir wollen Accounts folgen, die wir auswählen, und nicht solchen, die uns algorithmisch in die Timeline gespült werden.
You wouldn’t use a navigation app that deliberately took you to the wrong address or a calculator that gave you the wrong answer – so why do we accept similar behavior from our social media feeds? […] Most social media companies care about two things: […] how many people use the app every day and how much time they spend on the app. […] So every app, every screen, every notification, every algorithm they create is designed to serve these goals.
Jesse Karmani
Jesse Karmani beschreibt die Techniken, mit denen Instagram, TikTok und X uns online halten. Auf der einen Seite sind das simple Manipulationen im User Interface wie unendliches Scrollen, andauernde Benachrichtigungen, unvorhersehbar wechselnde Inhalte (Spielautomateneffekt) und die allgegenwärtige Gamification. Auf der anderen sind es Algorithmen, die uns in einem Dauerzustand emotionaler Erregung halten. Wir werden im Inhalt und in der Bedienung an die jeweiligen Apps gebunden. So wie unsere Eltern sich eine Zigarette angezündet haben, um entspannen zu können, starten wir die Apps.
Was kostet uns das alles, was scheinbar kostenlos ist? Jesse Karmani zitiert James Williams, der eine Antwort darauf hat:
What do you pay when you pay attention? You pay with all the things you could have attended to, but didn’t: all the goals you didn’t pursue, all the actions you didn’t take, and all the possible yous you could have been, had you attended to those other things. Attention is paid in possible futures forgone.
James Williams “Stand Out of Our Light – Freedom and Resistance in the Attention Economy”, zitiert von Jesse Karmani
Tausende Entwicklerinnen und Entwickler manipulieren uns mit Mitteln, die man aus Casinos und Spielhallen kennt. Wir werden an den Haken genommen, verbrennen unsere Zeit und werden zu willenlosen Zombies, die alles tun, was das manipulative Interfacedesign vorgibt. Wir lassen uns von Inhalten beeinflussen, die Algorithmen für uns ausgewählt haben. Wir hören auf zu denken, wir lagern es an die Apps aus. So manipulativ sind sie, so böse, so ungut!
Wir Opfer.
Aber vielleicht ist die Erzählung vom manipulierten Opfer zu einfach. Was, wenn wir das alles so wollen? Was, wenn es uns sogar gut tut, dass es ein paar Stunden pro Woche gibt, in denen wir uns nicht um uns selbst kümmern müssen? Was, wenn diese Sucht – ich nenne die Sache nun beim Namen – eine notwendige Abwechslung für einen durchgetakteten Alltag darstellt?
Rauchen oder uns mit Schokolade vollstopfen sollen wir ja nicht mehr. Alkohol oder Drogen sind sowieso pfui. Ekstasen sonstiger Art gibt es kaum. Das eine oder andere Trinkgelage am Wochenende, dieser bislang anerkannte, von Kontrolle befreite Raum, ist einer Disziplinierung in Ernährung und Routine gewichen: Wir sollten längst unsere To-Dos erledigt haben, nur noch kalt duschen, nach 14 Uhr nichts mehr essen und seit drei Stunden bereits “im Gym” sein. Tagaus, tagein. Das ermüdet.
Also, wo ist das Ventil?
Wie können wir dem Druck nachgeben, alles geordnet, kontrolliert, quantifiziert und wohlüberlegt anzugehen? Wo können wir uns gehen lassen? Wo der Ermüdung, uns andauernd zu beherrschen, entkommen? Was ermöglicht es uns, zumindest hin und wieder ein Gefühl von Freiheit zu erleben? Sind Social-Media-Apps nicht der im Vergleich gesündeste Weg, ein Gefühl von Leichtigkeit zu erhalten, indem sie uns von der Verantwortung ablenken und das Entscheiden für uns übernehmen? Ist die Zeit auf Instagram oder TikTok nicht das, was früher die Rauchpausen waren? Ist die Sucht nach Ablenkung nicht die Lösung für die Unerträglichkeit, bei sich selbst zu sein? Eine Lösung, die man ach so bequem auf einen externen Faktor abschieben kann? Eine bewusste Entscheidung, der Ermüdung zu entkommen? Die Entscheidung abzulegen und sich fallen zu lassen?
I know this steak doesn’t exist. I know that when I put it in my mouth, the Matrix is telling my brain that it is juicy and delicious. After nine years, you know what I realize? Ignorance is bliss.
Cypher, in “The Matrix”
Wenn sich Tausende Entwicklerinnen und Entwickler nur damit beschäftigen, uns online zu halten, dann mag das problematisch wirken. Aber vielleicht sind sie die Tabakproduzenten des 21. Jahrhunderts. Sie produzieren etwas, das uns kaputt macht, aber sie produzieren, was wir brauchen. Früher war es der Tabak, heute sind es Instagram und TikTok. Früher haben wir mit der körperlichen Gesundheit bezahlt, jetzt mit der geistigen.
Die Form und die Auswirkungen ändern sich, aber das grundlegende Bedürfnis bleibt und lässt nur einen unbequemen Schluss zu: Wir funktionieren nicht trotz Manipulation und Abhängigkeit, sondern wegen ihr. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Diagnose. Fehlt uns die Manipulation, fehlt uns die Abhängigkeit, dann finden wir sie woanders, ja, wollen wir sie woanders finden!
Vielleicht ist das die Antwort auf Jesse Karmanis Frage.