Nicht alle wollen coden, nicht alle sollen

Prompt-Brute-Forcing schafft die Access-Datenbanken von morgen und die Abhängigkeit, aus der wir uns vibecoden wollten.

Ich stimme mit Joan Westenberg überein: Nicht alle wollen basteln oder Softwareentwickler sein, nur weil KI das ermöglicht. Die meisten wollen ein Problem gelöst bekommen, ohne sich um die Software dafür kümmern zu müssen. Da, wo wir jetzt sind, waren wir schon einmal.

There’s a deep assumption embedded in the “everyone will build” thesis, that most people are latent creators held back only by technical barriers. Remove the barriers, and creation floods forth. […] Desktop publishing tools became accessible in the 1980s with the Macintosh and PageMaker. Did everyone start designing their own newsletters? A handful did, and the rest continued to hire designers or, more commonly, didn’t make newsletters at all. WordPress has made it trivially easy to build a website for over twenty years now, and the vast majority of small business owners still pay someone else to do it, or they use a template and never touch it again.

Joan Westenberg

Und das ist nicht nur okay, sondern auch gut so. Denn Software für den Produktiveinsatz braucht mehr als funktionierende Prompts. Sie muss stabil, wartbar, dokumentiert und erweiterbar sein. Ob das dem stolzen Abteilungsleiter bewusst ist, der übers Wochenende Prompts durchprobiert hat, bis endlich etwas halbwegs Brauchbares herauskam? Ich bezweifle es.

Software herzustellen bedeutet, Probleme zu verstehen, zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Das ist etwas anderes als das, was ich häufig beobachte: Menschen prompten KIs so lange, bis irgendetwas funktioniert. Das ist keine Softwareentwicklung, sondern Prompt-Brute-Forcing.

You still have to know what you want, specify it clearly, evaluate whether what you got is what you wanted, and iterate if it’s not. […] When the bottleneck was writing code, you could blame the difficulty of ~programming for why your project never got off the ground. Now that an AI can write code in seconds, the bottleneck is clearly, embarrassingly, you // me // us. […] The rest of the world may not even be able to fully articulate what’s broken and what they want fixed. […] They want to sign up for [a software solution] that works. They don’t want to create their own budgeting app. They want Mint or YNAB to do the job. The entire SaaS economy exists as proof that people will pay monthly fees to avoid having to build or even configure things themselves.

Joan Westenberg

Und noch einmal: Das ist gut so. Der einzige Job, ja, die Existenzberechtigung eines SaaS ist es, alles, was über die Benutzung hinausgeht, aus dem Weg zu räumen. Verfügbarkeit, Wartung, Sicherung, Sicherheit, Support… um das alles muss man sich nicht kümmern, das übernimmt der Anbieter. Dass manche Anbieter ihre Macht missbrauchen und Menschen mit absurden Preisen in die Arme von KI-Tools treiben1, ist ein Problem. Aber ein kleines Problem im Vergleich zu dem, was selbstgestrickte Anwendungen in Zukunft anrichten werden.

Wir alle kennen jemanden, der seine Kundendaten noch mit einer Access-Datenbank aus 1997 verwaltet und sich täglich darüber ärgert, dieses alte Ding aufrecht erhalten zu müssen. Der weiß, dass es längst ein Sicherheitsrisiko ist. Der sich schon oft überlegt hat, eine Migration durchzuführen, aber bei jedem Anlauf gescheitert ist, weil die Dokumentation fehlt und niemand das angreifen will. Der sich darüber ärgert, das Projekt damals einem Kollegen, der die Software noch als Schüler im Praktikum entwickelt hat, übertragen zu haben. (Natürlich ist der Kollege nicht mehr im Unternehmen.) Der sich nicht traut, die Modernisierung der Software anzugehen, weil niemand genau weiß, welche anderen Systeme von der Datenbank abhängig sind, und der Aufwand, aus dieser Black Box herauszukommen, schlichtweg zu groß ist. Der weiß, dass er fliehen müsste, aber nicht kann. Und er weiß, dass die Zeit gegen ihn arbeitet. Jeder Tag baut Technical Debt auf, jeder Tag macht die Migration teurer, jeder Tag vergrößert das Risiko, nicht mehr migrieren zu wollen, sondern zu müssen. Und das Bewusstsein über die Notwendigkeit der Flucht ist selbst zum Problem geworden: Es verwandelt täglichen Ärger in eine latente, chronische Sorge. Das ist nicht gesund.

Aber das ist die Zukunft der heutigen “Softwareentwicklung“.

Ich fürchte, das, was ich mit meinem Access-Beispiel zeigen will, wird in naher Zukunft kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen sein. Ich sehe es bei vielen meiner Kundinnen und Kunden. Sie stützen sich auf KI-generierte Apps, die gute Ergebnisse liefern. In einigen Jahren werden tausende Unternehmen mit selbstgestrickten KI-Anwendungen kämpfen, die niemand mehr versteht, niemand mehr warten kann und niemand mehr migrieren will. Die, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, nie jemand wirklich verstanden hat. Sie wurden einfach erstellt und schnell implementiert. Der Glaube an die rasante Entwicklung von KI wurde zur Gewissheit, die Risiken deshalb unterschätzt. Also wurden KI-generierte Apps tief in betriebskritische Systeme integriert oder, schlimmer noch, geschäftskritisch, weil wesentliche Prozesse von ihnen abhängig gemacht wurden. Das funktioniert alles gut, bis es eben nicht mehr funktioniert. Die Abhängigkeit von einem KI-Anbieter wird unter solchen Umständen absolut und ist genau das, was OpenAI, Anthropic und Google erreichen wollen. Eine Abhängigkeit von Office 365 oder Google Workspace – von vielen jetzt schon als tickende Zeitbombe wahrgenommen – ist ein Klax dagegen.

Unternehmen vibecoden sich aus der Abhängigkeit teurer SaaS-Angebote, nur um dann in einer noch tieferen Abhängigkeit zu landen. “Everyone will build” mag schon stimmen. Aber wenn zu viele bauen, die weder wissen, was sie tun, noch, wie man es richtig macht, dann wird man erst später feststellen, dass es einen Unterschied zwischen “es läuft” und “es ist gute Software” gibt.

  1. Die Flucht vor teuren SaaS-Angeboten zu KI-Tools birgt eine gewisse Ironie in sich: ChatGPT, Claude, Gemini und wie sie alle heißen, sind selbst SaaS-Angebote. Man flieht also nicht aus dem System, sondern von einem Anbieter zum anderen, gedeckt und legitimiert durch einen Erlösung versprechenden Hype. Die Hoffnung, dass OpenAI, Anthropic oder Google die Preise für ihre KIs nicht irgendwann ebenso erhöhen werden wie die Anbieter, vor denen man geflohen ist, erscheint mir realitätsfremd; realistisch dagegen das geflissentliche Hinwegsehen über dieses die Erlösungserzählung befremdlich störende Detail. Man flieht von teuren SaaS-Angeboten zu… teuren SaaS-Angeboten. Aber das nur am Rande. ↩︎

4 Kommentare

  1. Diesen Artikel finde ich widersprüchlich: “Nicht alle wollen coden” und ich nehme an, das wird auch so bleiben bzw. sich zumindest im professionellen Bereich so erhalten / wieder herstellen. DTP/Pagemaker, Webdesign/Wordpress etc. – ich hab das alles mitgemacht und wurde dafür bezahlt. Und sind es nicht im Wesentlichen Software-Entwickler, die jetzt all diese hilfreichen KI-Tools (oft recht begeistert) einsetzen und lernen, mit ihren Defiziten umzugehen (auch mit Hilfe von Kontroll-KIs)? Es wird wohl weniger Programmierer brauchen, aber die Entwicklung/Wartung etc. sehe ich auf Dauer doch bei KI-kompetenten Leuten, die wissen, was sie tun.

    Was die Abhängigkeiten angeht: Die ist doch jetzt schon gegeben, wenn mit SaaS von MS und Amazon in der Cloud gearbeitet wird. Soviel ich mitbekomme, ist es aber auch möglich, ein KI-Modell lokal laufen zu lassen (mit entsprechenden Rechnern) und europäische Cloud-Anbieter zu nutzen – WENN man denn weniger Abhängigkeit will, was bisher ja nicht so wichtig war.

    • Wenn eh Profis arbeiten, dann gibt es eh kein Problem. Ich glaube halt nur, dass wir durch eine Phase durchmüssen, in der es eben viele probieren werden, die eben keine Profis sind.

  2. Guter Text mit wichtigen Argumenten! Als Ex-Admin und jetzt Consultant sehe ich tagtäglich was ein instabiler Betrieb (Prozesse, Tools oder Systeme) anrichten kann.
    Und gerade diesen Punkt Betriebssicherheit vermisse ich bisher immer. Bisher wird wenn, dann viel über technische Sicherheit gesprochen. Und wie KI absolute Anfängerfehler macht und dadurch unsichere Anwendungen erzeugt.

    Als jemand der jahrelang Rufbereitschaft gemacht hat, ist mir aber der Punkt “das System läuft stabil” wesentlich wichtiger. Und diesen vermisse ich bisher komplett.

    Klar ist aber auch: Die technischen Schulden durch KI werden immens werden.

    • Du bringst genau auf den Punkt, um den es geht: Technische Schuld, banale Fehler – das geht natürlich alles im Hype um Vibecoding unter, weil “Hey, ich habe mir mein eigenes Textverarbeitungsprogramm zusammengebastelt”! (Nicht, dass es nicht schon zigtausende davon gäbe.) Also ja: Die technischen Schulden werden immens werden und die Anzahl der Tränen über nicht stabil laufende Systeme oder über die Kosten derer, die zusammengeschusterte Apps in Enterprise-Systemen im Zaum halten oder ihre Datensätze in Standardsoftware migrieren müssen, werden enorm sein. So sehe ich das auch.

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