Bert Hubert hat einen Beitrag über Europas selbst verschuldete Krise im Cloud-Computing veröffentlicht, in dem er vor der totalen Abhängigkeit Europas von US-Cloudanbietern warnt, IT-Personal in gewissem Maße dafür verantwortlich macht (!) und auf europäische Alternativen verweist, wenn man Alternativen auch als solche akzeptiert.
Almost all newly deployed computer systems in Europe are either based directly on American clouds, or are delivered “as a service” by companies who in turn are also all exclusively based on non-European clouds. […] The story is that we don’t have any real cloud providers in Europe, and by some definitions this is true. We do however have loads of places where you can rent excellent servers, storage and network bandwidth. […] Almost all of Europe has chosen to make itself utterly dependent for new services on the three big US cloud providers, with no way of going back. And since the US is (at best) a decaying democracy at this point, this is a worrying situation.
Bert Hubert
Na gut, soweit sind wir uns ja alle irgendwie einig. Über US-Clouds jammern und gleichzeitig US-Clouds nutzen, das ist ja quasi schon die europäische Seele. Aber dann schlägt Bert Hubert einen Weg in seiner Argumentation ein, den ich interessant finde. Er zeigt mit dem Finger – sicherlich berechtigt, aber meines Erachtens nach nicht in der absoluten Art, wie er es hier macht – auf die IT-Abteilungen und auf die Softwareentwicklung, die US-Cloudanbieter (aus Bequemlichkeit) für ihre Arbeit voraussetzen, um funktionieren zu können. In einem späteren Absatz nennt er „software and IT people“ sogar „cloud addicted“.
The only game in town now appears to be lamenting that we don’t have US-style clouds here, and that we must somehow get them […] we can’t just have a capable US-like cloud, people demand total equivalence. Preferably a “drop-in” replacement that does exactly the same thing in the same way. Note that this requires zero effort on the part of the IT department or software developers. They demand that everyone else solves the problem for them, and meanwhile, they’ll continue to put our most precious national data on US servers […] The other way forward would of course be for our software and IT people to relearn what they apparently could do until a few years ago: deploying software on (virtual) servers and setting up databases and other basic services ourselves, or relying on such things provided by European partners.
Bert Hubert
Ich möchte dem Argument einen Punkt entgegenstellen, mit dem ich selbst andauernd konfrontiert werde. Vorab nur, um die Sache zu verdeutlichen: Bert Hubert spricht hier von IT-Departments und Softwareentwicklern. Das sind Menschen, die (Personal-) Kosten verursachen. Er spricht auch von großen Unternehmen und Regierungen, also von Akteuren, die mit diesen Kosten keine Probleme haben sollten.
Aber blicken wir doch mal aufs andere Ende des Spektrums. Blicken wir auf die ganz jungen, die Startups, die kleinen Unternehmen, aus denen später die großen entstehen bzw. in denen arbeiten, die später in den großen arbeiten. In denen also Menschen mit Software in Berührung kommen, sich an die Vor- und Nachteile verschiedener (Software-) Zugänge zu bestimmten Prozessen gewöhnen und dann ihr Leben lang nach Apps suchen, die ähnlich funktionieren.
Hier, an diesem Ende des Spektrums, sieht die Sache ganz – ganz! – anders aus. Dort gibt es ein einziges Kriterium, das zählt. Der übliche Satz, den man hier nämlich zu hören bekommt ist: Gerne, wir können gerne ein europäisches Äquivalent für unsere Office-Arbeit nutzen. Aber es muss mit Google Docs und Microsoft Word 100% kompatibel sein („weil das verwenden ja alle“), Kollaborationsfunktionalität, sicheren Cloudspeicher, eine Tabllenkalkulation, Präsentationssoftware und Sharing-Optionen beinhalten und – und hier kommen die alles, absolut alles entscheidenden zwei Argumente – das Angebot darf pro Person nicht mehr als etwa 10 Euro pro Monat kosten und muss sofort nach dem Kauf funktionieren.
Das günstigste Google Workspace-Abo kostet momentan EUR 6,80 pro Monat, das äquivalente Paket von Microsoft EUR 5,60 pro Monat. Hat man die jeweiligen Beträge bezahlt, funktionieren die Apps unmittelbar und ohne Wartezeit. Die Namen Google oder Microsoft verzeihen auch Fehler in der Software, die bei IT-Abteilungen oder Softwareentwicklern unverzeihlich wären. Letztere haben auch Vorlaufzeiten, die Auftraggeber gar nicht goutieren. Herrje, ich habe sogar erlebt, wie ein Kollege beauftragt wurde, eine Nextcloud-Instanz unter einer Subdomain der Firma aufzusetzen (soweit lobenswert), dies alles eingeleitet hat (vor allem das Setzen der entsprechenden DNS-Einträge ist für den Rest der Ankedote relevant) und der Auftraggeber, ungeduldig und am Wochenende gelangweilt, in der Zwischenzeit ein komplettes Google Workspace-Account für alle seine (zehn oder so) Mitarbeiter erstellt, konfiguriert und, bis auf die Domainverknüpfung, bereitgestellt hat. Die Nextcloud-Instanz wurde wenige Tage später wieder gelöscht, das Unternehmen – nunmehr etwas über 50 Angestellte, gut situiert – läuft bis zum heutigen Tag auf Google Workspace, das nun so tief in die Unternehmensabläufe integriert ist, dass ein Wechsel nur mit gewaltigem Aufwand möglich scheint.
“Going to the cloud” can mean renting services/servers that you could get from anywhere. There’s little lock-in. The same four words “going to the cloud” might also mean locking your operations to a specific cloud provider, whose proprietary services will now be part of your business processes “forever”. […] The cloud provider’s unique intellectual property is an integral part of the services and products that operators provide. These cloud services are not standardized or interchangeable. These are not just databases. They are not some kind of electricity grid or water supply where you can just pick new vendors. […] The operator’s services are then deeply intertwined with specific cloud software that operators then have to rent forever. The cloud thus becomes an eternal […] mandatory subcontractor, an eternal part of the product, commingled with your own intellectual property. And because of specialization to the cloud, operators are quickly losing the developer skills to migrate to something else, and over time this may become practically impossible.
Bert Hubert
Womit „die Cloud“ gar nicht mehr nur „Speicher“ ist, sondern ein integraler Teil von Verwaltungs- und Geschäftsprozessen und somit kaum wegdenkbar. Die Abhängigkeit, die selbst verschuldete (!) Abhängigkeit von US-Clouds, der Einstieg mit 10 Euro pro Monat ist nun nicht mehr wegzudenken. Aus der günstigen Möglichkeit wurde eine kontinuierliche Verpflichtung samt Zwang zur Akezptanz allfälliger Preisänderungen. Weitere Services, die wachsende Unternehmen früher oder später benötigen werden, kosten dann ja ohnehin viel und sind mit europäischen Angeboten vergleichbar. Dann ist es aber zu spät; das Unternehmen ist schon auf die Angebote und Services von US-Unternehmen eingespielt und – das ist der wesentlich wichtigere Punkt – ausgerichtet.
Und das alles nur, weil es die verlockenden 10 Euro pro Monat-Angebote gab, mit denen kaum eine europäischer Anbieter in Preis und Funktionalität mithalten kann.