Joost de Valk hat eine Bombe platzen lassen. Ja, der Joost de Valk, der mit seinem Yoast SEO-Plugin für WordPress gutes Geld gemacht, eine Zeit lang für Automattic gearbeitet, sich dann mit dessen CEO, Matt Mullenweg, zerstritten, eine Alternative zum Plugin-Verzeichnis ausgearbeitet (FAIR) und sie wieder eingestellt hat. Derselbe Joost de Valk stellt sich nun – und beantwortet – in einem Blogbeitrag die Frage, ob wir in Zeiten von KI überhaupt noch ein CMS brauchen.
Er betreibt seinen privaten Blog nicht mehr mit WordPress, sondern hat ihn auf ein System umgebaut, das keine Datenbank, keinen Server und kein PHP mehr braucht; konzipiert, realisiert und verwaltet mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Und weil das bei ihm so gut funktioniert, sieht er seine Annahme bestätigt, die eigentlich immer schon gegolten haben soll: Menschen hätten nie ein Content Management System (CMS) gewollt, sondern eine Website. Oder anders, direkter und das eigentliche Ziel des Textes (in meiner Lesart) angreifend: Die Zeiten von CMS wie WordPress sind vorbei. Nicht heute, nicht morgen, aber auch nicht viel später. KI ist der große Befreier. Endlich können wir uns von WordPress befreien.
For twenty years, “I want a website” meant “I need a CMS.” […] People never wanted a CMS. They want a website. […] I ran joost.blog on WordPress for years. […] The site is now a collection of Markdown files that get built into static HTML and deployed to a global CDN. No database. No server. No PHP. … The answer to “do I need a CMS?” is increasingly: no. You need a website. […] The web works best when you keep it simple. Clean HTML that every crawler can read, including AI systems that don’t execute JavaScript at all.
Joost de Valk
Während der Lektüre seines Artikels hatte ich den Eindruck, Joost verallgemeinere sein Argument und sehe KI und die grundlegenden Annahmen hinter seinem spezifischen Setup als ausgemachte Zukunft in der Erstellung, Wartung und Bearbeitung von Websites und dem Management des dort veröffentlichten Contents. Er greift zu den üblichen Argumenten und verpackt sein kämpferisches, eine Zeitenwende ankündigendes Argument in einen Blogbeitrag über die Leichtigkeit des Relaunchs seiner Website. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es für genau das, was KI hier tun soll, keinen besseren Begriff gibt als eben jenen, den er gerade kategorisch für überholt erklärt hat. Und die Ironie wird sogar noch von der Realität überholt, denn Joost de Valk ist mittlerweile zu einem Proponenten des von Cloudflare veröffentlichten Content Management Systems “EmDash” geworden.
Aber alles der Reihe nach.
Induktion aus Sonderfall
Joost beschreibt einen Sonderfall, der zwar einfach und logisch erscheint, aber viele Voraussetzungen nicht anspricht. Dass es einem Profi mit langjähriger Erfahrung und dem notwendigen technischen Know-how gelingt, seine private Website von WordPress in eine mit Markdown-Dateien gefüllte Ordnerstruktur überzuleiten, aus der ein statischer Site-Generator HTML-Dateien erstellt und in ein CDN ausspielt, setzt ein ordentliches Stück Wissen über die Funktionsweise der verschiedenen, in diesem Setup aneinandergeketteten Dienste voraus. Sie müssen eingerichtet, konfiguriert, miteinander verbunden und vor allem abonniert werden, damit die Leichtigkeit, mit der KI dann den Prozess der Veröffentlichung einer Website anstößt und durchführt, überhaupt wirksam werden kann.
Diesen Prozess zu vereinfachen war bislang die Aufgabe spezialisierter Software. Besonders WordPress hat es sich zum Ziel gemacht, das Veröffentlichen im Web zu demokratisieren, indem der technische Anspruch – bei gleichzeitig enormem Nutzen – so niedrig wie möglich angesetzt wurde. Joost stellt diese Zielsetzung nicht infrage, das Werkzeug dazu aber sehr wohl. Warum mit dem alten Code herumtun, wenn wir doch nun KI haben, die alles Moderne und Glitzernde so gut unter einen Hut bringt? Wer braucht schon die überkommenen Vorgaben und Vorlagen, wo doch der Kreativität in Setup und Aussehen durch KI keine Grenzen mehr gesetzt sind? – Ein gutes Argument, technisch begründet und korrekt, aber eben nicht in der Domäne der “Demokratisierung des Webs,” sondern in jener der Verbesserung der Technik einer mehr als zwei Jahrzehnte alten Software. Ich glaube sogar, Joost schießt an der Realität außerhalb der KI-Bubble vorbei – und das ganz gehörig. Andere sehen das auch so.
Do you honestly think that Jenny who runs her local oatcake shop’s blog will spin up Claude Code and roll her own static site? She might not use WordPress, but she ain’t gonna roll her sleeves up and build her own site. … Jenny doesn’t want to prompt an AI. We are in a bubble on here. That’s my whole point. She could. But she doesn’t want to. She wants a regular CMS.
Steve Perry
Jenny will eine Website, keine Abhängigkeiten. Sie will etwas, das funktioniert und gar nicht oder wenn, dann halbwegs günstig zu warten ist. Das bedingt häufig, nicht an einem einzigen Anbieter zu hängen. Und genau hier zeigt das joostsche KI-Narrativ, das bald schon eine interessante Wendung nehmen wird, seine Schwäche.
KI macht unnötige Expertise belanglos
Joosts schlagkräftigstes Argument lautet: KI macht technische Komplexität nicht nur unsichtbar, sondern belanglos. So wie niemand verstehen muss, wie eine Espressomaschine Druck aufbaut oder wie die Extraktion funktioniert, bevor man Kaffee trinkt, muss niemand verstehen, wie ein Git-Repository eingerichtet, ein Astro-Workflow aufgesetzt oder ein CDN konfiguriert wird, bevor man eine Website betreibt. Dem möchte ich folgenden Gedanken entgegensetzen: Wer eine Maschine kauft, die optimal nur mit Kapseln eines einzigen Herstellers funktioniert, hat Komplexität nicht hinter sich gelassen, sondern gegen Abhängigkeit eingetauscht. Ist das ein Gewinn? Ich bezweifle das. Und Joost selbst auch. Hat er doch selbst noch vor wenigen Tagen (!) im Kontext seines FAIR-Projekts ähnlich argumentiert:
[FAIR] was a response to a structural problem. […] The WordPress ecosystem has grown into a massive economic engine. […] Thousands of businesses rely on it. […] Yet governance and infrastructure remain tightly controlled. That imbalance creates risk. […] When key infrastructure or distribution mechanisms are dependent on a single commercial entity, the entire ecosystem becomes fragile. That fragility became impossible to ignore. […] FAIR […] was an attempt to create a neutral, community-governed […] infrastructure layer. The goal was stability. Predictability. Shared stewardship. A model that could reduce systemic risk and ensure long-term independence.
Joost de Valk
Das schrieb Joost de Valk – über WordPress. Exakt 23 Tage später baut er sein persönliches Setup auf einer Kette kommerzieller Services auf, deren Schlüsselkomponenten er weder kontrollieren noch ohne erheblichen Aufwand ersetzen kann. Und das bei einer hohen Konzentration weniger, dafür unverzichtbarer Anbieter. Die Markdown-Dateien mag er mitnehmen, fair. Aber den KI-Workflow, der das Setup erst bedienbar macht, nicht. Das ist kein Randproblem, sondern exakt jene Abhängigkeit, die er im WordPress-Kontext selbst erkannt und mit FAIR bekämpft hat. Warum er sie in seinem neuen Setup nicht mehr sehen will, werde ich schon noch herausfinden. Aber nicht in diesem Beitrag.
Wobei: Ein Teil der Antwort kam schneller als erwartet. 11 Tage nachdem Joost de facto das Ende des Konzepts “CMS” (zumindest für die meisten Websites) verkündet, veröffentlicht Cloudflare EmDash, ein für Astro, KI-Agenten und Cloudflare-Infrastruktur konzipiertes Content Management System. Joost nimmt es enthusiastisch auf und kommentiert es in einer bemerkenswerten Kehrtwendung zu seinem ursprünglichen Argument, man würde keine CMS mehr benötigen:
When I moved this blog to Astro, I thought I’d left CMSes behind. Then I spent an evening building an EmDash theme for this site and started migrating content — because a CMS that an AI agent can build on this naturally is hard to resist.
Joost de Valk
EmDash selbst ist durchaus interessant und greift vieles auf, was WordPress vorgeworfen wird. Gleichzeitig will sich Cloudflare auch dessen bedienen, was WordPress so attraktiv macht. Nicht umsonst sucht EmDash fast schon ein wenig zu aktiv nach dem Vergleich mit WordPress; sogar im Titel des Einführungsbeitrags kommt “WordPress” vor. Und wer glaubt, dass es dabei bleibt, irrt. WordPress hier, WordPress da, WordPress überall.
WordPress powers over 40% of the Internet. It is a massive success that has enabled anyone to be a publisher, and created a global community of WordPress developers. But the WordPress open source project will be 24 years old this year. Hosting a website has changed dramatically during that time. […] It’s time to upgrade the most popular CMS on the Internet to take advantage of this change. […] Our name for this new CMS is EmDash. We think of it as the spiritual successor to WordPress. It’s written entirely in TypeScript. It is serverless, but you can run it on your own hardware or any platform you choose. Plugins are securely sandboxed and can run in their own isolate, via Dynamic Workers, solving the fundamental security problem with the WordPress plugin architecture. And under the hood, EmDash is powered by Astro, the fastest web framework for content-driven websites. […] While EmDash aims to be compatible with WordPress functionality, no WordPress code was used to create EmDash. That allows us to license the open source project under the more permissive MIT license. We hope that allows more developers to adapt, extend, and participate in EmDash’s development.
Cloudflare
Technisch ist dieses CMS solide und in der Tat ein des Jahres 2026 würdiger Stack samt entsprechendem Zugang zu Problemen, die WordPress tatsächlich schon seit Jahren vorgeworfen werden und sich mit der Einführung des Gutenberg- bzw. Block-Editors potenziert haben. Aber – und hier spießt es sich – EmDash ist ein Cloudflare-Produkt, auch wenn Cloudflare nicht müde wird darauf hinzuweisen, dass es auch woanders lauffähig ist – sofern “woanders” über die Technologie verfügt und die Services bereitstellt, die Cloudflare anbietet. (Der Eindruck, das möchte ich an dieser Stelle erwähnt wissen, gilt dem Stand April 2026. Cloudflare verspricht an etlichen Stellen, das Produkt breiter verfügbar und mehr oder weniger von seinen spezifischen Services unabhängig zu machen.)
Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern bestätigt meine eigene und die nunmehr archivierte, obsolete, jedenfalls aber offensichtlich hinfällige Meinung von Joost de Valk zum Thema Zentralisierung. Matt Mullenweg, der direkt, respektvoll, aber nicht ohne entsprechenden Fingerzeig zu EmDash Stellung genommen hat, kann genau diesen einen Punkt natürlich wunderbar nutzen.
You can run WordPress on a Raspberry Pi, on your phone, […] and you can run it scaled up […] across multiple datacenters. […] When you download WordPress Playground you’re running the same code that’s being attacked a thousand times a second at WhiteHouse.gov. That’s what we mean when we say democratization. It’s all built on open source and web standards. You can run it anywhere; there’s no lock-in. […] I think EmDash was created to sell more Cloudflare services. […] It can kinda run on Netlify or Vercel, but good stuff works best on Cloudflare. […] If you want to adopt a CMS that will work seamlessly with Cloudflare and make it hard for you to ever switch vendors, EmDash is an incredible choice.
Matt Mullenweg
Der Lock-in, den Joost im WordPress-Kontext als strukturelles Risiko bezeichnet und der ihn zu FAIR bewogen hat, ist in seinem neuen Setup keine Befürchtung mehr. Er ist das Geschäftsmodell. Und das ausgerechnet bei einem CMS, das mit Plugin-Sicherheit als zentralem Argument antritt – einem Problem, das WordPress herausfordert, aber mit gutem Willen auch innerhalb des bestehenden Ökosystems lösbar wäre. Das sieht sogar Joost in einem späteren Beitrag, in dem er ein Refactoring von WordPress fordert, so.
Immerwährende Disruption
Was Joost da schreibt, hatten wir übrigens nicht nur schon einmal. Es ist das klassische Disruptionsplaybook, das hier zum Tragen kommt. Zuerst delegitimiert man das gut funktionierende Alte, in dem man Schwächen aufgreift und sie über Gebühr (das ist das entscheidende Momentum!) in ein Problem strapaziert. Dann präsentiert man das (kostenpflichtige) Neue als eine Disruption, die fortan einen neuen Zugang zu alten Themen notwendig macht. Auf Social Media melden sich Menschen zu Wort, die plötzlich, sobald sie mit KI ihre eigene Software geschaffen haben, feststellen, wie sehr sie bisher unter ihren vorherigen Lösungen gelitten haben. Das ist keine Erkenntnis, sondern nachträgliche Rationalisierung mit IKEA-Effekt: Das Neue muss gut sein, also war das Alte schlecht. Und weil wir es selbst gebaut haben, umso mehr.
Hier geht es nicht um faktische, technologische Versäumnisse, sondern um ihre Präsentation nach außen.
Dass so ein Zugang nicht nur eigenartig, sondern womöglich sogar schädlich sein kann, wissen wir spätestens seit 2014. Damals veröffentlichte Jill Lepore eine Kritik an Clayton Christensens “Innovator’s Dilemma” (1997), in der sie Disruption als eine Theorie des Wandels enttarnte, die auf Panik, Angst und dünner Evidenz basiert. Christensen stellte die These auf, etablierte Unternehmen würden scheitern, wenn sie den Markt nicht mit radikal anderen, also disruptiven Produkten verändern. Lepores schärfstes Argument bezog sich auf die Widersprüchlichkeit in Christensens eigenen Beispielen. Unternehmen, die es nicht geschafft haben (sie haben nicht disruptiert, meint er), scheiterten aus ganz anderen Gründen. Was Christensen als empirische Theorie präsentiert, entpuppt sich als nachträgliche Deutung. Die Disruption wird erst sichtbar, wenn der Ausgang bereits feststeht. Doch ein genauer Blick entlarvt das Konzept als untauglich, da zirkulär und selbstreferentiell: Wer nicht disruptiert, scheitert. Wer scheitert, hat eben nicht disruptiert. Und wer kritisiert, verweigert den Fortschritt.
Disruptive innovation as the explanation for how change happens has been subject to little serious criticism […] partly because disrupters ridicule doubters by charging them with fogyism, as if to criticize a theory of change were identical to decrying change.
Jill Lepore
Aber ist es Fortschritt, wenn wir das Neue, wenn auch nur zu kleinen Teilen, besser darstellen müssen, indem wir das Alte ex post delegitimieren ohne auch nur den Versuch zu machen, es inkrementell zu verbessern? Diese Frage wurde im Web jedes Mal erfreulich ernüchternd beantwortet, denn was funktionieren muss, setzt auf erstaunlich konservative Technologien und widersteht Trends mit gesunder Trägheit oder übernimmt ihre Prinzipien und gliedert sie in Vorhandenes ein.
Jamstack ist ein Paradebeispiel dafür. Die ähnlich disruptive Welle trat vor einigen Jahren unter dem Ansatz an, Frontend und Backend müssten radikal konsequent entkoppelt werden. Und natürlich wurde besonders WordPress damals für seine monolithische Architektur attackiert. Die große Migrationswelle blieb aber aus. Stattdessen wurden die Prinzipien von Jamstack (statische Auslieferung, CDN, Entkopplung) von bestehenden Systemen absorbiert. Auch WordPress bekam Caching, CDN-Integration und eine REST-API. Jamstack-Erfinder Matt Biilmann erklärte schon bald, der Begriff sei überflüssig geworden, weil alle modernen Frameworks die Prinzipien ohnehin übernommen hatten. Keine Disruption, sondern genau die inkrementelle Verbesserung, die Disruptoren verhindern wollen. Matt Mullenweg hatte das damals nicht architektonisch, sondern praktisch kommentiert. Sein Argument gilt heute nicht weniger:
You can patch together a dozen services, each with its own account and billing […] to get a similar result you’d have for a few dollars a month using WordPress on shared hosting. And it would be more fragile, because the chain is only as strong as its weakest link.
Matt Mullenweg
Joosts Setup ist aber genau das: eine als Content Management System fungierende Kette aus Cloudflare, Astro und CDN, die von KI gemanagt wird. (Oder nun eben EmDash.) Die Stärke dieser Kette hängt von ihrem schwächsten Glied ab, dieser Satz behält Gültigkeit. Mullenwegs Warnung gilt heute nicht weniger, auch wenn KI dazwischen hängt und sich das Management des Contents mehr zum Management des Tech-Stacks verschoben hat.
Es ist nicht nichts dran
Was als gültige Kritik bleibt, ist aber, dass WordPress einiges an Entwicklung womöglich gar nicht versäumt, sondern bewusst ziehen hat lassen. Und das bei Kernfunktionalität, die seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten von Plugins (äußerst lukrativ) übernommen wird. Beispiele? Custom Fields, Custom Post Types – seit Jahren verfügbar, bis heute kein vernünftiges Datenmodell, kein Interface, kein Fortschritt in der Entwicklung des WordPress-Cores.
In EmDash, each content type gets its own typed table. Custom fields become actual columns with proper types and indexes. This isn’t exotic — it’s how applications have stored data for decades. WordPress’s approach […] stopped making sense when plugins started turning WordPress into an application framework. […] WordPress has had the PHP infrastructure for custom post types and fields since version 3.0 in 2010, but has never shipped a core UI for managing them. Sixteen years later, the community still depends on third-party plugins for something that should be a core capability. […] WordPress […] does need real refactoring: targeted, meaningful architectural changes that address the structural problems rather than just painting over them.
Joost de Valk
Wo er recht hat, hat er recht.
Was kann das schon kosten…?
KI soll die Disruption sein, der niemand widerstehen kann. Man könnte sich fast enthusiastisch darauf einlassen, wäre da nicht das Kleingedruckte: Die neutrale Technologie entpuppt sich als kostenpflichtiger, bei nur wenigen Anbietern konzentrierter Service mit Agenda.
Vordergründig wirkt ihr Call to Action lächerlich banal. OpenAI, Google und Anthropic wollen Abos für ihre KI-Modelle verkaufen. Hintergründig hat es das Abonnement aber in sich: Die Nutzung von KI soll zur Notwendigkeit werden, sie soll sich zur Infrastruktur jeder digitalen Arbeit entwickeln. Ein Zurück darf nur unter einem Aufwand möglich sein, der in keiner Relation zu den paar Euro pro Monat fürs Abo steht. Joost illustriert das unfreiwillig und nicht eine gewisse Prise Ironie: Zuerst hat er das freie, fürs Web-Publishing entwickelte WordPress gegen ein Setup ohne inhärente Spezialisierung eingetauscht und das Ende von CMS proklamiert. Die entscheidenden Komponenten seines Setups wurden mithilfe von KI realisiert. Er verteidigt das KI-abhängige Setup und argumentiert gegen CMS, wie es sich für einen ordentlichen Evangelisten gehört, mit dem Rekurs auf eine bessere Zukunft.
The last real argument for a CMS on simpler sites is the editing experience. “My client can’t edit Markdown files and commit them to a git repository.” That’s a fair point. Today. […] I built this entire Astro site with AI assistance.
Joost de Valk
“Today.” Das ist keine Antwort, sondern eine Vertagung, die ein definierendes Element eines Hypes darstellt. Vielleicht hat Joost recht. Vielleicht wird es so kommen. Aber auf einem “vielleicht” kann man halt auch nur seine persönliche Website bauen. Das “Today” ist hier kein Zufall, sondern Methode. Und die Ironie dahinter ist, dass “today” schon alles anders aussieht: So ganz tot sind CMS ja doch und so ganz kaputt WordPress auch nicht. EmDash, das Cloudflare CMS, zeigt, wie’s geht und Joost leitet aus seinen Erfahrungen damit Verbesserungswege für WordPress ab. Die Verwirrung ist komplett.
KI gibt vor, genau dort stark zu sein, wo spezialisierte, unabhängige Software verdrängt werden kann. (Bis sie es dann nicht mehr zeigt, weil ein anderes Produkt die Spezialisierung übernimmt.) Wo Google, OpenAI oder Anthropic selbst die Spezialisierung bewirtschaften können, bleibt KI das Mittel, nicht das Ziel. Das zeigt zugleich, dass der Begriff “Infrastruktur” das entscheidende Thema und “Disruption” der spirituelle Zugang ist. (Google Maps ist ein ideales Beispiel: Wer den Service einmal zur Gewohnheit gemacht hat, wechselt nicht mehr. Und auf die Freytag & Bernd-Karten schon gar nicht.) Dass KI-Jünger sich für die Verdrängung freiwillig vor den Karren spannen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wer braucht schon spezialisierte Software, fragen sie, die mit KI spezialisierte Software erstellen? Niemand, antworten ausgerechnet jene, die an der Abhängigkeit verdienen – und währenddessen ihr eigenes CMS auf den Markt bringen.
Unvermeidbarer nächster Schritt
Die Moderne hat uns gelehrt, komplizierte Lösungen für einfache Probleme zu erfinden und diese Komplikation als Fortschritt zu verkaufen. Warum sollte das hier anders sein? Ach ja, weil in der Zukunft alles besser wird. Und wenn wir jetzt die Tools nicht nutzen, die uns Anthropic, Google und OpenAI im kostenpflichtigen Abonnement zur Verfügung stellen, verweigern wir den Fortschritt. Was Joost als unvermeidbaren nächsten Schritt beschreibt – Inhalte per Chat bearbeiten, KI kleine, aber mühsame Prozesse durchführen lassen, kein Admin-Panel – ist dem Eindruck nach für WordPress-Nutzer übrigens längst möglich, ohne das Setup zu wechseln.
Content Management Systeme können also bereits das, was ihren Ersatz so attraktiv machen soll. Zumindest WordPress entwickelt sich in rasendem Tempo in genau diese Richtung. (Mit vielen Problemen, da gebe ich Joost schon recht!) Dass Joost ihre kategorische Existenzberechtigung infrage stellt, ist aus einem bestimmten Blickwinkel heraus nachvollziehbar; dass er sie zugunsten KI-gesteuerter Workflows verschwinden sieht, hat allerdings einen interessanten Nachsatz bekommen: Der “unvermeidbare nächste Schritt” heißt anscheinend EmDash. Und EmDash ist, bei allem Respekt vor modernsten Technologien und AI-first-Architektur, spezialisierte Software fürs Veröffentlichen und Verwalten von Content, also ein Content Management System. – Also genau das, was eigentlich obsolet geworden sein sollte.
Werkzeug ja, Infrastruktur nein
KI soll Werkzeug sein, nicht Fundament, und dort eingesetzt werden, wo es Sinn macht: als Teil eines Systems, das man selbst kontrolliert. Das relativiert die unbedingte Abhängigkeit von einem KI-Anbieter. Die Technologie ist hier eine Möglichkeit, keine Notwendigkeit. Das Abonnement, integrales Element der Disruption, wird zur Option statt zur Voraussetzung.
Die Entscheidung, die jeder und jede nun für sich treffen muss, ist also weniger technischer als grundsätzlicher Natur: Wollen wir auf ein etabliertes, dokumentiertes, von tausenden Menschen unterstütztes, freies und plattformunabhängiges Projekt setzen oder wollen wir die Access-Datenbank von morgen errichten, womöglich auch noch abhängig von der Infrastruktur, auf der sie läuft? Oder darauf hoffen, dass Cloudflare nicht der Versuchung unterliegt, mit seinem EmDash-Produkt für genügend Friktionsverluste in der Leichtigkeit des Web-Publishing zu sorgen, wenn das CMS bei anderen Anbietern von Infrastruktur installiert wird?
Auch wenn sich Joosts Setup hinter so großen Namen wie Google, Anthropic und OpenAI verbirgt, war es vor Eintritt von Cloudflare im Kern individualisierte, nicht-standardisierte Software, abhängig von einem kostenpflichtigen KI-Modell. Dass daraus nun EmDash wurde – ein mit offener Lizenz ausgestattetes Cloudflare-CMS, das als sicherere, modernere und in allen erdenklichen Aspekten überlegene Alternative zu einem veralteten und unsicheren WordPress präsentiert wird, gebaut in nur zwei Monaten mit KI, lauffähig überall außer dort, wo es wirklich gut läuft, und angepriesen von jemandem, der noch vor 11 Tagen erklärt hatte, Content Management Systeme seien in Zeiten von KI in den meisten Fällen obsolet – ist nicht nur der disruptive Ansatz at its best, sondern bestätigt jeden einzelnen meiner hier vorgebrachten Punkte mit einer Präzision, für die ich mich hiermit bei den Akteuren dieses Beitrags ausdrücklich bedanken möchte.
Menschen wollen kein CMS, sagt Joost, ähem, sie wollen eine Website. Stimmt. Aber vielleicht erklärt das weniger, warum sie das CMS verlassen, als warum sie aufgehört haben zu schreiben.
Schrecklich, dieser zwanghafte “Fortschritt”, der nur neue und oft schlimmere Zwänge mitbringt als das Bisherige. Ich nutze WordPress seit ca. 2006 und mein einziger Wunsch wäre gewesen: Funktioniere, sei stabil und verschone mich mit Updates und Veränderungen, die ich weder brauche noch mir jemals gewünscht hätte!
Dass das Vorhaben FSE (und schon der Gutenbergeditor alleine) auf halbem Weg stecken geblieben ist, weil viele Millionen User nicht bereit sind, diesen Weg mitzugehen, motiviert nun offenbar dazu, noch Grundstürzenderes zu promoten – koste es, was es wolle!
Liebe Claudia, danke für deinen Kommentar! Du bringst aus Sicht einer sehr aktiven Nutzerin einer Software den nachvollziehbarsten und vernünftigsten, jedoch im seltensten Fall berücksichtigten Wunsch hervor: Stabilität.
Sieht man sich die Software-Landschaft an, so wird deutlich, dass genau dieser Wunsch am wenigsten berücksichtigt wird. Nicht, weil er technisch nicht erfüllbar wäre, sondern weil sich Stabilität schlecht vermarkten lässt. Wer will schon in ein “läuft seit Jahren problemlos” investieren, wenn ein “dieses glitzernde Feature” und “jenes nützliche Extra” um die Ecke bereitstehen? Ob das Google Docs-artiges Bearbeiten in WordPress ist oder KI, mit der ich meine Website gestalten kann, ist dabei egal.
Und ja, meine Güte, Gutenberg bzw. FSE ist ja ein Paradebeispiel: Wenn ein Projekt die eigene Nutzerbasis nicht mitnehmen kann, wäre die ehrliche Konsequenz, innezuhalten und zu fragen, warum. Wenn dann auch die Entwickler bockig werden, weil die Sache nicht ausgegoren ist, dann überhaupt. Aber nein, es geht weiter.
In Österreich kennen wir das Wort “Verschlimmbesserung” – kommt das auch in Deutschland zur Anwendung?
Hallo Michael,
ja, “Verschlimmbesserung” gibt es auch in Deutschland. Und klar, FSE wirkt exakt so. Claudia hat mit ihrem Kommentar komplett Recht. Ich habe auch so meine Zweifel, ob das Alles so im richtigen Topf ist.
Ich habe diesen Artikel gelesen und mir häufig dabei gedacht: Wieso macht man das? Es wirkt alles irgendwie so, als beschäftige man sich hauptsächlich mit irgendwelchen fancy Dingen, ohne sich mit dem Grundsätzlichen auseinanderzusetzen.
Ich arbeite in der IT-Wirtschaft, und in unserer Firma gibt es den Begriff “Code-Hygiene”. Ich habe das Gefühl, als ob eher die angesagt ist, als all das, was Joost da baut oder was man mit FSE alles so erfinden kann. Weniger ist manchmal mehr.
Da greift eigentlich Miriam Schwabs Statement, das besonders die User betrachtet, zu der ganzen EmDash-Sache:
Und dazu passt dein Statement – “Es wirkt alles irgendwie so, als beschäftige man sich hauptsächlich mit irgendwelchen fancy Dingen, ohne sich mit dem Grundsätzlichen auseinanderzusetzen” – perfekt. Danke!
Hallo Michael,
ein sehr interessanter Blick aufs Thema. Vielen Dank fürs Teilen.
In Bezug auf WordPress bin ich nur in ehrenamtlichen Projekten Nutzerin. Mein eigenes CMS ist REDAXO. Wir fahren in vielen Aspekten eine eigene Strategie. Im Fokus ist es ein schlankes CMS für Agenturen, die minimalistisch für ihre Kund:innen ein Redaktions-System modular entwickeln und passend zu ihren Anforderungen anbieten. Oder Menschen wie mich, die keine fertige Lösung für ihre Ansprüche “da draußen” finden und sich etwas eigenes zusammenbauen wollen.
Auch bei uns steht der rosa Elephant im Raum, wie es weiter gehen soll. Unser Slack beispielsweise ist deutlich “ruhiger” geworden. Es werden weniger Fragen gestellt. Das bindet weniger Zeit. Es geht jedoch auch ein gewisser sozialer Kitt in der Gemeinschaft dadurch verloren. Antworten enthalten in regelmäßigen Abständen den Passus: Ich habe da mal die “KI” befragt… Es gibt Veränderungen in den Auftragsbüchern. Will heißen: Wir spüren die ersten Ausläufer einer Veränderung und sind noch dabei, uns in diesem Prozess zu justieren. Ich gehöre zu denen, die jetzt noch viel konsequenter auf die eigenen Kompetenzen setzen. Es gibt für mich noch ein Argument, das ich gern zu Deinem Text ergänzen würde:
Den Tech-Giganten geht es nicht um die Autonomie und Freiheit der Nutzer:innen. Im Gegenteil: Sie wollen sie in die erlernte Hilflosigkeit führen. Denn Menschen, die nicht mehr wissen (und daher alles glauben müssen), lassen sich viel leichter manipulieren, ihnen das Geld aus den Taschen ziehen und ausbeuten. Darauf sind die Geschäftsmodelle der US-Amerikanischen Unternehmer ausgerichtet. Sie haben eine Agenda. Und ein Menschen- und Welt-Bild, das nicht mit meinem im Einklang ist. Nutzen wir ihre angebotenen Werkzeuge und Angebote, so machen wir uns nicht nur abhängig, wir laufen in ein noch viel größeres Problem.
Für mich ist es daher schön, Menschen zu begegnen, die das erkannt haben und ihre Konsequenzen daraus ziehen. Auch wenn das deutlich mehr Aufwand bedeutet, mehr Anstrengung und Kraft. Wir sind nicht auf Schnelligkeit getrimmt. Wir legen Wert auf Qualität. Innovationen müssen sich in meinen Augen daran messen, dem Wohl des und der Menschen zu dienen. Sie zahlen ein auf ein Wirtschaften innerhalb planetarer wie sozialer Grenzen. Und Wohlstand ist nicht nur verstanden als Anhäufen von Geld. Es ist die Freiheit, NEIN zu sagen. Mich in die Sonne zu setzen und in den Tag zu träumen.
Vielen Dank für die Anregungen. Hab’ einen schönen Tag,
Franziska
Hallo Franziska und vielen Dank für den Einblick in deine Perspektive.
Was mich an deinem Kommentar am meisten anspricht: Wohlstand als die Freiheit, Nein zu sagen. Das ist ein Maßstab, an dem sich Innovationen (und CMS-Architekturen) messen lassen müssten. – Das ist ein schöner Gedanke, der leider von Interessen übertönt wird, die man in der Bubble allzu gerne übersieht oder schlicht ignoriert.
Und ja, mit dem zweiten Punkt (keine Autonomie für die, die Systeme nutzen, sondern Hilflosigkeit) rennst du bei mir durch offene Tore. Am Ende ist die Agenda einfach wie effektiv: KI muss Infrastruktur werden und Menschen müssen davon überzeugt werden, dass sich denken nicht lohnt, weil es, übergibt man die Aufgabe an eine Maschine, effizienter ist. Ob man das soll, wird abermals ausgeblendet.
Ich blicke gespannt auf die Zukunft, die wir Menschen wählen werden. Denn wir alle wissen, wie sehr unsere inneren Schweinehunde die Faulheit der Anstrengung vorziehen; nur waren sie bis jetzt nicht in der Lage, sogar das Denken abgeben zu können. Das ändert sich jetzt. Und die Zwickmühle wird perfekt. Wir wollen zwar Websites, aber keine Abhängigkeiten, behauptet Joost. – Doch macht uns Abhängigkeit vielleicht gar nichts aus, wie Thomas Gigold feststellt?
Ich fürchte, er hat da einen Punkt.