Blick zurück auf „1984“ #

#1983 haben SPIEGEL-Autoren ein Buch geschrieben, in dem der „Orwell-Staat 1984“ auf „Vision und Wirklichkeit“ abgeglichen wurde. Heute sind zwei der Autoren geteilter Meinung über die Gegenwart. Werner Meyer-Larsen sieht die dystopische Zukunft von damals weiter weg als im Jahr 1983, er fragt sich allerdings auch, „ob man sich in den liberaleren Gesellschaften überhaupt [gegen andauernde Durchleuchtung] wehren müsse, wenn man sich nichts zu Schulden kommen lässt“. Danke, setzen!

Hans-Wolfgang Sternsdorff, damaliger Co-Autor und heute als Anwalt tätig, sieht die Sache hingegen ganz anders:

„Die Realität in unserer westlichen Welt ist tausendfach schrecklicher und bedrohlicher, als es die Vision von Orwell aus 1984 je gewesen war.“ Die Privatsphäre sei weitgehend abgeschafft, jeder Persönlichkeitsbereich einsehbar, und niemand könne sich dagegen wirksam schützen. […] Am meisten stört [Sternsdorff], dass die westlichen Gesellschaften weitgehend abgestumpft oder ignorant seien. […] Und auch die epochalen Enthüllungen von Edward Snowden hätten nicht viel hervorgebracht […] „Ein paar Diskussionen von Intellektuellen, aber jedenfalls keine bürgerliche Revolution für die Erhaltung von Menschenrechten und den Schutz der Privatsphäre“

Sic, horribile dictu, est.

George Orwell an Noel Willmett im Mai 1944 #

#George Orwell reagiert fünf Jahre vor der Veröffentlichung von „1984“ in einem Brief auf Noel Willmetts Sorge um den weltweiten Aufstieg totalitärer Systeme und Führerkulte.

Everywhere the world movement seems to be in the direction of centralised economies which can be made to ‘work’ in an economic sense but which are not democratically organised and which tend to establish a caste system. With this go the horrors of emotional nationalism and a tendency to disbelieve in the existence of objective truth because all the facts have to fit in with the words and prophecies of some infallible fuhrer. Already history has in a sense ceased to exist, ie. there is no such thing as a history of our own times which could be universally accepted, and the exact sciences are endangered as soon as military necessity ceases to keep people up to the mark.

Zu den als ur-demokratisch wahrgenommenen Staaten England und USA…

To begin with there is the general indifference to the decay of democracy. […] Secondly there is the fact that the intellectuals are more totalitarian in outlook than the common people. On the whole the English intelligentsia have opposed Hitler, but only at the price of accepting Stalin. Most of them are perfectly ready for dictatorial methods, secret police, systematic falsification of history etc. so long as they feel that it is on ‘our’ side.

Wer diese Zeilen nun aber in Verbindung mit Edward Snowdens Enthüllungen verstehen will, sollte vielleicht vorher Michael Moynihans „Sorry, it’s not 1984“ lesen; im Artikel wird der Vergleich zu den gegenwärtigen Ereignissen auf den folgenden Schluss heruntergebrochen:

If you are invoking 1984 in a country in which 1984 is available for purchase and can be freely deployed as a rhetorical device, you likely don’t understand the point of 1984.