How to Watch the News: Schülerinnenproteste

„The only voice of reason is young school children,“ heißt es mitten in Žižeks Kommentar zu den Schülerinnenprotesten gegen die Tatenlosigkeit der Politik gegenüber der bevorstehenden, ökologischen Krise. Und Žižek fragt sich, wie es sein kann, dass die Politik in einer pervertierten Abwärtsspirale gefangen ist, aus der sie offenbar nicht herauskommen kann, weil die der Spirale inhärenten Mechanismen es unmöglich machen, die eigentlichen Ziele – in dem Fall den Klimawandel – zu sehen.

What fascinates me, is [that] our entire political space is already so perverted. We have complex mechanisms to cancel taking ecological threats seriously.

Slavoj Žižek in Episode 4 von How to Watch the News

Leider ist diese Erkenntnis die einzige, die sich in dieser Folge von How to Watch the News immer und immer wieder wiederholt, ergänzt lediglich um ein sehr sanftes, weil wohl kaum haltbares, Plädoyer für den „unschuldigen Blick eines Kindes“ auf die Probleme dieser Welt.

Klar, es wäre nicht Žižek, wenn er sich nicht über Recycling (…ist okay, steht aber in keinerlei Relation zur industriellen Umweltverschmutzung) oder über den Verkauf von Bio-Produkten (…der Unterschied ist irrelevant; man bezahlt lediglich für das gute Gewissen) auslassen würde, aber der Punkt ist und bleibt seine Kritik an der ideologisch verklärten Sichtweise der Politik, die verantwortlich dafür ist, bestimmte Lösungsansätze denkunmöglich zu machen.

Our entire ideological machinery is constructed, so that we can avoid the consequences of knowing [about these problems]. The greatness of these childrens‘ protesting is precisely there in some noble sense: stupid naivete. […] We need to rediscover this children’s innocence to be able to look at facts. […] This innocent gaze of children, which is not obfuscated by our ideological concerns, […] – you just look at the facts and you are ready to act upon it. That’s necessary more than ever, today.

Wenig spannend, ziemlicher Allgemeinplatz, aber okay.

In der Reihe How to Watch the News with Slavoj Žižek sind bislang 3 Episoden erschienen. In der ersten Episode hat Žižek die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich kommentiert, in der zweiten die #metoo-Bewegung und in der dritten das Problem von Fake News.

How to Watch the News: Fake News

Slavoj Žižek nimmt sich in der dritten Folge der Miniserie How to Watch the News der Wahrnehmung von Fake News als Problem an. Es geht dabei nicht um die Art und Weise, mit der Gegebenheiten präsentiert werden (und andere nicht), sondern, und das ist sein erstes Argument, darum, dass es plötzlich so viele unterschiedliche und nicht kontrollierbare (Un-) Wahrheiten gibt – etwas, dass zur Zeit der großen ideologischen Blöcke nicht gab; und davor schon gar nicht.

The difference was that these fake news [Soviet/West] were controlled, it was one big state ideology. […] What bothers people today is this dispersal and uncontrollable character.

Slavoj Žižek in How to Watch the News: Fake News

Als zweites Problem nennt Žižek die Kritik an der Wahrnehmung von Wahrheit als situationsgebunden und relativ. (Der Begriff „naive positivism“ fällt in der zweiten Hälfte des Videos.) Für ihn ergibt sich das Problem von Fake News nicht aus den Fakten an sich, sondern aus dem Standpunkt, von dem aus sie ausgewählt, interpretiert und analysiert werden.

When we talk about history, we never talk about all the facts. You present a certain construct, story. Then you deal with data selectively. […] The true problem is not cheating with facts […] but the way you select some facts [and] ignore others, can make your report, which is only composed of true facts, a lie.

Žižek führt die Kritik an Fake News, die sich gegenwärtig auf die falsche Wahrnehmung von Fakten stützt und mit der Forderung antritt, „let’s just report how things are“, über in eine Frage nach der Motivation zugunsten einer bestimmten Auswahl und Interpretation derselben Fakten. „Why are you telling this story in such a way?“

Diese Frage sollte man aber auch umdrehen und dem Fragenden stellen. Somit wird aus der Frage nach der Motivation in Bezug auf Auswahl und Interpretation von Fakten die Frage nach der Motivation des Infragestellens ihrer – eben dieser spezifischen – Interpretation. Ist somit der Wunsch nach Wahrheit, Objektivität und Neutralität in der Berichterstattung eigentlich nur Vorhang für ein Interesse, welches die Vielfalt und Unberechenbarkeit aktueller Fake News zurückführen will auf eine einzige und von allen bewusst als solche wahrgenommene Lüge? Naturgemäß sieht Slavoj Žižek in diesem Widerspruch etwas Positives. Fake News verdeutlichen uns Tag für Tag, wie willkürlich und konstruiert das ist, was wir Wahrheit nennen.

Those who attack Fake News don’t really care about truth […] What worries them is that there’s no ideological clear hierarchical obligatory space. And that is the good function of fake news – they make us aware of how arbitrary often is what we think the truth is.

In der Reihe How to Watch the News with Slavoj Žižek sind bislang 2 Episoden erschienen. In der ersten Episode hat Žižek die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich kommentiert, in der zweiten die #metoo-Bewegung. How to Watch the News ist eine von RT produzierte Serie.

How to Watch the News: #metoo

In der zweiten Folge von How to Watch the News stellt Slavoj Žižek die #metoo-Bewegung als kontraproduktive Pervertierung einer eigentlich sinnvollen Idee in Frage. Žižek weist darauf hin, dass #metoo von einer breiten Bewegung (mit mehr als zehnjähriger Geschichte) zur Modeerscheinung einer privilegierten Schicht geworden ist, in der das Klassenelement den Diskurs verlassen hat und somit auch das Interesse, die „tatsächlichen“ sozialen Probleme zu lösen und ihre ökonomischen Ursachen zu bekämpfen. Geblieben ist ein Hashtag, in dem es um Political Correctness geht. Sie dient in privilegierten Schichten – Žižek nennt Akademikerinnen, Journalistinnen und „intellectual class circles“ – einzig dem Aufrechterhalt von Macht durch den strategischen Einsatz der Opferrolle als ihrer Ressource.

I […] suspect that politically correct people […] don’t really want to resolve the problem, because if the problem disappears – they would have to change radically. I see these politically correct protesters, how their whole identity is based on proclaiming yourself victim and blaming others […]. If you take this away from them – they are a nobody in a sense.

Slavoj Žižek in How to Watch the News: #metoo

Žižek wirft seinen Zusehern wie immer (siehe zB die erste Folge von How to Watch the News zum Thema Gelbwesten in Frankreich) provokante Thesen und Vergleiche, sowie alternative Erklärungsmodelle für aktuelle Ereignisse entgegen. (Diesmal dauert es solang länger als fünf Minuten, bis Lenin die argumentative Bühne betritt.) Wie auch immer man zu den Ausführungen Slavoj Žižeks stehen stehen mag, sofern auch nur ein einziges Statement zum Nachdenken anregt – und wenn es auch völlige Ablehnung ist -, ist die Kernidee von „How to Watch the News“, so denke ich, schon erfüllt. Denken hilft für gewöhnlich und das Wissen um unterschiedliche Interpretationen medial transportierter Ereignisse umso mehr. (In diesem Sinne, hier ein Verweis auf die deutlich radikalere Interpretation der #metoo-Bewegung von Jordan Peterson, der es ja auch in dieses Video geschafft hat und den man meiner Meinung nach, allerdings aus ganz anderen Gründen, kennen sollte; wer ihn nicht kennt, sollte sich ansehen, womit er sein Geld verdient.)

How to Watch the News: Gelbwesten

Kurz vor Jahresende bringt Russia Today eine Mini-Serie heraus, in welcher der Philosoph Slavoj Žižek in seiner üblichen, kontinuierlich an Gesicht, Nase und T-Shirt zupfenden Art, die Nachrichten erklärt. Das Thema der ersten Folge von „How to Watch the News“ ist die Gelbwestenbewegung in Frankreich. Žižek erkennt in dieser von Widerspruch geprägten Sammlung von Forderungen den latenten Wunsch der Protestierenden nach einem politischen Systemwechsel, weil ihre Wünsche vom aktuellen nicht mehr erfüllt werden können.

The system is reaching its limit. And what is needed is neither populism, which works only short-term, nor better technocracy, which works within the existing system. We need […] creative politicians, who would present a new vision how to radically change things.

Slavoj Žižek in How to Watch the News, Folge 1

Schnell stellt er einen Vergleich zu Henry Ford her, der einen Systemwechsel verursacht hat, in dem er ein Verlangen (stärkere Pferde, die weniger Futter benötigen) mit einer anderen als der geforderten Lösung befriedigte (nämlich mit dem Automobil). Dieses Bild – eine Person löst ohne Rücksicht auf die systemischen Umstände ein Problem im Alleingang – übernimmt Žižek für die aktuellen Proteste. Er sieht in einer starken, aber aufgeklärten Führung („enlightened leadership“), die ihrer Arbeit im Rahmen einer unsichtbaren und undurchschaubaren Bürokratie nachgeht („bureaucratic socialism“), die einzig mögliche Lösung für die aktuellen Ereignisse. Er glaubt nicht daran, dass die Probleme und Forderungen der Gelbwesten mit Mitteln der unmittelbaren Demokratie, also innerhalb des existierenden Systems, zu lösen sind.

So oder so, die Serie mit Slavoj Žižek ist sehenswert, egal, ob man nun den Ausführungen eines linken Intellektuellen zugeneigt ist oder nicht, ob man in Russia Today einen Propagandasender erkennen will oder nicht und ob man in Žižeks Ausführungen zum radikalen Systemwechsel einen impliziten Auftrag erkennen will oder nicht. Denkanstöße sind Žižeks Aussagen auf jeden Fall. Zur Serie How to Watch the News with Slavoj Žižek auf Youtube.